Der Junge mit dem Fahrrad - 2011 | FILMREPORTER.de
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Der Junge mit dem Fahrrad

OriginaltitelLe gamin au vélo
AlternativLe Gamin au Vélo; Untitled Dardenne Brothers Project; The Kid with a Bike; Set Me Free
GenreDrama
Land & Jahr Frankreich 2011
FSK & Länge ab 12 Jahren • 87 min.
KinoDeutschland
AnbieterAlamode Filmdistribution
Kinostart09.02.2012
RegieLuc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne
DarstellerCharles Monnoyer, Neda Luga, Jasser Jaafari, Mireille Bailly, Mourad Maimuni, Laurent Caron
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Eindringliches Drama über ein verschmustes Kind

Cyril (Thomas Doret) wohnt im Kinderheim und wünscht sich nichts sehnlicher, als bei seinem Vater zu sein. Doch dies zu realisieren ist nicht leicht, denn immer wenn er ihn besuchen will, findet er eine leere Wohnung vor. In einer Arztpraxis, wo der Junge auf der Flucht vor seinen Heimbetreuern zufällig landet, macht er die Bekanntschaft der Friseurin Samantha (Cécile de France). Ergriffen vom Schicksal des Jungen, nimmt sie sich seiner an.

Gemeinsam suchen sie den Arbeitsplatz des Vaters auf. Dieser weist Cyril jedoch zurück und wünscht keinen weiteren Kontakt zu ihm. Auf der Suche nach einer Vaterfigur droht der Junge auf die schiefe Bahn zu geraten. Die mütterliche Zuneigung Samanthas weist er von sich und sucht stattdessen die Bekanntschaft eines Jugendlichen. Dieser missbraucht ihn allerdings für seine kriminellen Ziele. Es dauert nicht lange, bis Cyril seine erste Straftat begeht.
Mit "Der Junge mit dem Fahrrad" erweisen sich Jean-Pierre und Luc Dardenne einmal mehr als Meister der Beobachtung von Einzelschicksalen und sozialen Zuständen. In eindringlichen Bildern und loser Dramaturgie fokussieren sie auf ein Kind, das sich nichts sehnlicher wünscht als die Liebe seines Vaters. Es ist ein bewegender Film, der Kitsch und Sentimentalitäten meidet. Der Grund dafür liegt in der konsequenten Absage der Dardennes an eine psychologisch motivierte Dramaturgie. Sie erklären weder die Verhaltensweisen ihrer Figuren, noch gehen sie ihrer biografischen Herkunft nach. So bleiben die Beweggründe für Samanthas mütterliche Zuwendung zu dem Jungen ebenso im Unklaren wie die emotionale Kälte des Vaters.

Trotz des realistischen Ansatzes schrecken die belgischen Regisseure nicht vor einer symbolhaften Bildsprache zurück. Die unentwegte Rastlosigkeit des Jungen steht für seine Heimatlosigkeit, seine äußere Unruhe verweist auf seine innere Zerrissenheit. Wenn Cyril sich in seiner Enttäuschung über die Zurückweisung seines Vaters das Gesicht zerkratzt und den Kopf gegen die Scheibe eines Autos schlägt, dann ist das Ausdruck seiner wachsenden Verzweiflung, vielleicht sogar der Beginn einer Psychopathie. Über die reine Abbildung geht auch das entscheidende Fahrradmotiv hinaus. Wie in Vittorio de Sicas "Fahrraddiebe", den die Dardennes mit ihrem einfühlsamen Film zitieren, ist das Fahrrad mehr als ein Fortbewegungsmittel, es repräsentiert die Liebe des Jungen zu seinem Vater sowie seine Sehnsucht nach familiärer Harmonie.

Bemerkenswert sind die Unbedingtheit von Cyrils Sehnsucht und sein grenzenloser Anspruch auf menschliche Zuwendung. Liebe und der Wunsch geliebt zu werden sind elementare Bedürfnisse eines jeden, das ist auch die Ansicht der Dardennes. Dabei gehen die Filmemacher einen Schritt weiter und setzen den Menschen in diesem Punkt mit dem Tier gleich. Cyril zieht wie ein streunender Hund durch die Stadt und nichts kann ihn von seiner Suche nach Liebe und Geborgenheit abhalten. Wenn sich ihm jemand in den Weg stellt, wird er bissig. Als ein Gleichaltriger sein Fahrrad stehlen will, rennt der Junge ihm nach und beißt ihm bei einer Schlägerei in den Arm.

Das Kino der Dardenne-Brüder ist realistisch und poetisch zugleich und das macht auch die besondere Qualität von "Der Junge mit dem Fahrrad" aus. Es ist ein großartiger Film, dessen einprägsame und erschütternde Bilder eines bewegenden Kinderschicksals in den Bann ziehen.
Der Junge mit dem Fahrrad

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8,0
7,0 (Filmreporter)     
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Meinungen

Harter Tobak

was die Dardenne-Brüder da inszenieren. Sehr nah an der Realität, sehr karg und doch so eindringlich inszeniert, dass man gebannt zuschaut. Großes, relevantes Kino!
26.08.2012 02:26 Uhr - Filmfreund
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