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8martin

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Filmkritik zu Die schönen Tage von Aranjuez 3D - 23.02.2017 13:02

Man sollte das Ende dieses Zitates nicht vergessen: ‘sind nun vorbei‘. In diesem Film sind die schönen Tage wirklich vorbei. Eine statische Kamera dokumentiert die völlige Abwesenheit einer Handlung. Neben einer imaginären Figur eines Dichters von nebenan aus dem Elfenbeinturm, der den Text, den man hört, in seine Schreibmaschine hämmert, sind noch der Wind und ein Mops die weiteren tatenlosen Statisten, dieses Sprechgebildes. Ein optisches und ein akustisches Bonbon hat Wenders dann noch den angestrengt folgenden Zuschauern hingeworfen: eine Jukebox und Nick Cave am Klavier. Beides passt zum Gesehenen wie der sprichwörtliche ‘Arsch auf den Eimer‘. Wim Wenders hat sich mit seiner manieristischen Selbstverliebtheit hier ins Knie geschossen. Der Text, den die beiden Figuren (Sophie Semin und Reda Kateb) im Wechselspiel zitieren und der von Handke als Dialog über die Liebe und das Leben angelegt ist, strapaziert das Interesse der Zuschauer auf das Heftigste. Nicht nur wegen der intellektuellen Abgehobenheit – sie diskutieren in geschwurbelten Satzkonstruktionen der Wolkenkuckucksheime - sondern wegen der häufigen Verneinung des im Vorsatz gerade Erwähnten – z.B. es ist das Erkennen, das ich habe, dass nichts erkannt wird oder eine gemachte Zusage, die nicht gemacht wird…etc. - beides sind typische stilistische Handke Merkmale und das nervt auf die Dauer. Weil ich auf der Leinwand nichts verpasse, denn da passiert ja nichts, habe ich für längere Zeit die Augen geschlossen…und nur zugehört. Da konnte ich die beiden überflüssigen Figuren vergessen und mir in meiner Fantasie das Gesprochene ausmalen. Das war besser als die großformatigen Gesichter der Akteure ohne jegliche Regung anstarren zu müssen. Das störte nur. Also, es ist kein Film, sondern ein bebilderter Dialog. Einen Titel gibt’s noch: ‘Der laaangweiligste Film aller Zeiten.‘ K.V.


Filmkritik zu Hühnchen in Essig - 13.10.2015 09:13

Der Titel hat mit dem Film so viel zu tun wie Apfel mit Apfelsine. Aber Chabrol, das alte Schlitzohr, macht sich halt einen Heidenspaß mit seiner dunklen Komödie, in der Inspektor Lavardin (Jean Poiret) in einem komplexen sozialen Netz ermittelt. Dabei ist seine Vorgehensweise ebenso ungewöhnlich wie die verschiedenartigen Beziehungen, in denen es auch Tote gibt. Sonst hat die Polizei bei Chabrol nicht gerade die Weisheit mit Löffeln gefressen. Hier schlägt Lavardin schon mal zu oder macht sogar Water Boarding, um Hintergründe zu erhellen. Neben ihm steht ein Mutter – Sohn Problem im Mittelpunkt. Sie (Stéphane Audran) im Rollstuhl und er Louis (Lucas Belvaux) verliert seine Unschuld an die rasierklingenscharfe Arbeitskollegin Henriette (Pauline Lafont). Daneben verschwinden Personen (Josephine Chaplin) und geldgierige Geschäftemacher wie Lavoisier (Michel Bouquet) versuchen mittels Korruption ans Ziel zu gelangen. Wenn man im Park des wohlhabenden Dr. Morasseau (Jean Topart), der mit Malliol Plastiken bestückt ist, im Sockel einer Statue die Leiche von Madame findet, zeigt das die Absicht des Meisters. Er bleibt distanziert, zeigt uns keine Bluttat und die Aufklärung wird nicht groß erklärt. Darunter leidet die Spannung etwas. Dafür bietet der Dauersoundtrack die Möglichkeit der akustischen Folter. Und wenn wir am Ende eine heile Welt sehen, in der alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen (F.F.E.) ist, bleiben schon noch einige Fragen offen. Na ja, es ist halt angerichtet, das ‘Hühnchen‘. Inspektor Lavardin – so erfahren wir – hat eins zu Hause. Keine krachende Spannung, eher Schmunzelkrimi.


Filmkritik zu Haben und Nichthaben - 14.05.2015 10:51

Die Leute, die hinter diesem Klassiker stehen sind schon erste Sahne. Nicht nur die beiden Hauptdarsteller (Ehepaar Bogart/Bacall), sondern auch die Regielegende Howard Hawks und die Romanvorlage von Hemingway, sowie der Mitarbeiter am Drehbuch William Falkner. Der Film entstand kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, der hier allerdings ebenso fern ist wie der genaue historische Hintergrund. Wir sind auf der französischen Insel Martinique. Hier agiert die Geheimpolizei der Vichy-Regierung. Und Bogey hilft natürlich den Nazi-Gegnern und bekommt die damalige Neuentdeckung Lauren Bacall. Dabei ist es eine herbe Love Story, in der es statt der üblichen genüsslichen Erfüllung nur einen Kuss gibt. Ihr erster Satz aus dem Nichts wurde zur Legende \'Anybody got a match?\' Ist aber für den Kettenraucher Bogart durchaus symptomatisch. Und Bogey schaut der Kleinen dann auch ganz tief in die Augen. Überhaupt sind die Parallelen zu \'Casablanca\' kaum zu übersehen. Dabei geht der optische Eindruck fast unter, den die schöne Frau des verwundeten Widerstandskämpfers Mme Hellene de Bursac (Dolores Moran) macht. Sie ist der eigentliche Vamp neben dem die Bacall wie eine trockene Wüstenrose wirkt. Der fast offene Schluss, der allerdings keine Befürchtungen aufkommen lässt, ist fast so kryptisch wie der Titel. Da darf spekulativ interpretiert werden: bezieht sich der Titel auf das Anglerglück eines Gastes auf Steves Boot, auf seinen gewährten und wieder einkassierten Krediten oder auf Steves ominösen Schulden? Sicher ist nur eins Walter Brennan spielt den sympathischsten Säufer der Filmgeschichte. Geht so. Nicht jeder Klassiker ist auch supergut.


Filmkritik zu Lady Henderson präsentiert - 07.01.2015 19:05

Wenig beachteter Film von Stephen Frears. Er hat eine lustige Komödie gemacht, die neben allerlei Komik und zwei großartigen Hauptdarstellern auch eine traurige Seite beleuchtet. Die Titelfigur (Judi Dench) ist eine steinreiche Witwe, die im Londoner West End das Windmill Theatre eröffnet. Den Mann vom Fach für die Leitung findet sie in Van Damm (Bob Hoskins). Moulin Rouge soll das Vorbild sein. Im prüden England zwischen den Weltkriegen geht der Weg nur über ‘Lebende Bilder‘. Wenn sich kein Nackedei bewegt, ist es wie im Museum. Das ist recht munter, wie sich die beiden nicht miteinander verheirateten fetzen, wie Hund und Katze. Die tragische Facette wird durch einen langanhaltenden stummen Augenblick beeindruckend unterstrichen: die Bombenangriffe auf London. Obwohl das Windmill im Keller liegt, muss eine Schöne (Kelly Reilly) mit ihrem Leben bezahlen. Hier wurde eine mögliche Variante erfunden, um die Emotionen zu bedienen. Lady Henderson. hatte sie mit einem Soldaten verkuppelt, die dazu noch schwanger war. Der Hinweis, dass Van Damm holländischer Jude ist, dient nur zur Abrundung des Bildes vom Theatermacher. Dramaturgisch hat es keinerlei Bedeutung. Ebenso wie seine Ehefrau. Dieses Drama wird mit einem versöhnlichen Schluss der beiden Protagonisten mit einem Tanz auf dem Dach abgeschlossen. Der Krieg ist hier eigentlich Nebensache. Das Theater dient als Mutmacher und Unterstützung fürs Durchhalten. ‘Die Show muss weitergehen, aber die Kleider müssen weg.‘ Nicht Frears bester, aber immerhin kein Fehlschlag dank der beiden Hauptdarsteller.


Filmkritik zu Willkommen bei den Korsen - 05.01.2015 09:45

Mit Jean Reno als Ange Leoni und Christian Clavier als Jack Palmer (dessen vier Töchter wir bereits kennen und lieben gelernt haben) stehen zwei großartige Darsteller an der Spitze des Ensembles. Der erste garantiert Komik mit knallharter Haudrauf-Dynamik, der zweite feinfühlige Ironie und französischen Charme. Und weil das Auge ja bekanntlich ‘mitisst‘ sorgt Exbond-Girl Caterina Murino für optische Anreize auch wenn die Lovestory nicht gerade zwingend ist. Das Ergebnis ist ein sehr unterhaltsamer Sommerfilm mit allerdings nur kaum vorhandenem korsischem Einschlag. Dagegen betont die Inszenierung die Rolle von Ange Leoni. Es gibt jede Menge Geheimdienste auf der Insel, die sich zum Affen machen und für Komik sorgen und Freiheitskämpfer, die ab und zu an die Front zur Befreiung Palästinas im Leben des Bryan heranreichen. Die Handlung selbst ist von geringer Bedeutung. Manch überraschende Wendung hält den Zuschauer bei Laune, und die Dialoge sind mitunter auch recht munter. (‘Darf man über die Korsen lachen?‘ – ‘Ja klar – aber lieber nicht!‘). Einfache Kost zum Entspannen ohne zu Verblöden. Einziger Anspruch ist die Unterhaltung. Und die wird ausreichend geliefert.


Filmkritik zu Endstation Sehnsucht (Premium Edition) - 16.12.2014 12:14

Bereits der deutsche Titel und der des Originals wetteifern um die beste Etikettierung dieses unglaublichen Films und treffen beide voll ins Schwarze. Elia Kazan schafft als Rahmen eine wirkliche Realität für die Straßenbahn mit dem seltsamen Namen. Ein Meilenstein der Literaturverfilmung (1951)! Das Drehbuch verwendet die Vorlage von Tennessee Williams fast wörtlich und der Regisseur verdichtet die Optik zu einer schwül beklemmenden Südstaatenatmosphäre. Dazu passt nur diese schwarz-weiß Fassung. Vivien Leigh (Blanche) und Marlon Brando (Stanley) in unerreichbarer Bestform in diesem intensiven Kammerspiel, in dem die Charaktere voller verletzlicher Sensibilität sind, aber auch mit hemmungsloser Gewalt agieren. Sie spielen zeitlos grandios – einfach in einer anderen Liga. Da wird einer zum Tiger mit scharfen Krallen und kurz darauf zum verheißungsvollen Liebestempel. Dann wieder zur uneinnehmbaren Festung, die darauf wartet sturmreif geschossen zu werden. Die Psychoduelle sind ein Seelenstrip für die Ewigkeit. Dabei steuert die Handlung in Richtung menschliche Katastrophe, in der Vivien Leigh langsam die Bodenhaftung verliert und im Nirwana landet. Dabei sollte aber nicht die zartfühlende zum Scheitern verurteilte Nebenromanze vergessen werden, die sie mit Karl Malden (Mitch) beginnt. Hier werden noch altmodische Ideale und brav-biedere Einfalt zusätzlich abgehandelt, was sogar zu vorrübergehender Komik führt. Aber es ist vor allem und immer wieder Vivien Leigh, die hochgradig neurotisch und äußerst narzisstisch überspannt dramatische Akzente setzt. Sie ist das Zentrum, um das die anderen Figuren kreisen. Ein echt tragisches Zentrum, in dessen Mitte auch noch vier Oscars stehen. Sicher ein Platz im Filmolymp! Das Remake in die Hutablage.


Filmkritik zu Huhn mit Pflaumen - 05.12.2014 10:22

Ein wunderschönes Märchen über die Liebe. Der weltberühmte Geiger Nasser-Ali (Mathieu Amalric) will nicht mehr leben, als seine Frau Faringuisse (Maria de Medeiros) seine Geige zertrümmert hat. Es war eine jener Zwangsehen von denen man sagt ‘Erst kommt die Heirat, später die Liebe‘. Der Kommentar bemerkt dazu lakonisch: ‘Erst kam die Heirat, die Liebe kam nie‘. Sein Leben lang hat er eigentlich nur Irane (Golshifteh Farahani) geliebt. ‘Diese unerfüllte Liebe ist etwas kostbares‘, meint der Kommentar ‘sie hält ewig.‘ Regisseurin Satrapi ist es gelungen durch Animation den märchenhaften Charakter des Films zu betonen. Zwischendurch erleben wir Ironisches mit Traurigkeit unterlegt (Nasser-Alis Suizidversuche sind echte Watzlawicks). Die vielen Rückblenden kreisen um Nasser-Ali und erweitern in kurzweiliger Form sein Künstlerdasein. Manche Szenen erinnern an Fellini ohne ihn zu kopieren. Und selbst die Einstellungen fürs Gefühl mit vielen Farben leicht verfremdet bekommen nie einen schmalzigen Überzug durch den plötzlichen Szenenwechsel. Die Eheszenen sind zu ernst und die Entwicklung von Nasser-Alis Kindern zu deprimierend. Weil seine große Liebe ein Leben lang andauert, altern die vom Frust gebeugten Liebenden sichtlich. Das lässt sich eindrucksvoll an, weil man ja weiß nur ihre Liebe brennt weiterhin ungebrochen. Selbst als sich Nasser-Ali und Irane nach vielen Jahren begegnen, bewahrt sie Haltung und darf ihn nicht erkennen. Dieser Schiwago-Effekt drückt besonders stark auf die Emotionen. Das ist bitter süße Schokolade mit viel positiver Romantik. Märchenhaft schön!


Filmkritik zu Vom Fliegen und anderen Träumen - 26.11.2014 18:44

Eine Tragikomödie mit einem Hang zum Märchenhaften. Unbestritten großartig sind die beiden Hauptdarsteller: Richard (Kenneth Branagh) und Jane (Helena Bonham Carter). Er spielt sich selber, sie bietet eine darstellerische Extraklasse: im Rollstuhl mit ALS im Endstadium, spastisch verkrampft mit Sprachproblemen. Aber auch die beiden Nebenrollen sind beeindruckend besetzt. Anne (Gemma Jones) spielt die aufopferungsvolle Mutterrolle recht gefühlvoll und Richards Freundin Julie (Holly-Wakingthedead-Aird) die undankbare Rolle seiner verschmähten Freundin. Jane hat trotz ihrer Behinderung ganz normale Bedürfnisse einer jungen Frau und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie erklärt Richard die Welt: ‘Sex ist wichtiger als das Geld. Geld ist nur Mittel zum Zweck und Sex ist der Zweck.‘ Die Parallelschaltung von dem Versuch ihre Unschuld durch einen Callboy zu verlieren mit seinem Banküberfall lässt sogar noch etwas Spannung aufkommen. Der Ausgang beider Unternehmen ist allerdings vorhersehbar Richards Tränen ebenso wenig wie das Denkmal, das er aus dem schrottreifen Flieger auf dem Hügel für Jane errichtet. Die Doppelbedeutung des Wortes ‘Fliegen‘ erfüllt sich am Ende. Und zwar in jeder der beiden Richtungen: erst das eine, dann das andere. Das kann man nur ertragen, wenn man von den beiden Hauptdarstellern begeistert ist. So nimmt man ihnen auch den schmonzettenhaften Schluss ab. Vielleicht die einzige Lösung. Richard und Jane finden sie. Jeder für sich allein und beide gemeinsam. Na ja!?


Filmkritik zu Töte mich - 18.11.2014 19:12

Solange es Filme wie diesen von Emily Atef gibt, sieht man, dass der europäische Film nicht verloren ist und wir uns gegen die Überflutung aus Hollywood erfolgreich wehren können. Hier hat sie eine Außenseiterballade gedreht. Und wie schon in ‘Molly’s Way‘ ist ihr Kennzeichen die äußerst behutsame Annäherung an ihre ‘Antihelden‘ mit der Offenlegung von Leid. Ein seltsamer Deal steht am Anfang: Adele (Maria Dragus) hilft ihm, Timo (Roeland Wiesnekker) soll sie dafür in den Tod schubsen. Er ist auf der Flucht und sie will nur von zu Hause weg und aus diesem freudlosen Leben scheiden. Eine Symbiose, die schief gehen, aber auch gelingen kann. Die harte Schale, die beide Charaktere umgibt, muss erst aufgeweicht werden. Es dauert bis die erste Träne rollt. Und dann wird es nach kurzer Überraschung (Ist Timo weg oder doch wieder da?!) nochmal spannend. Ein Einschub aus der Gangsterwelt, der aber das vorhersehbare Ende andeutet. Inzwischen ist aber jedem klar, dass Adele eigentlich nicht mehr so sehr den Suizid anpeilt. Das macht aber nichts, denn da ist kein Honigtopf, kein amouröses Spielchen mit einem Zuckereffekt. Timo bleibt kantig, wortkarg und unheimlich. Adele schaut und schweigt und lässt Hoffnung aufkeimen. In jeder Ruppigkeit der beiden kann eine Annäherung stecken. Es ist bald keine Frage mehr des Ob, sondern nur des Wann denn nun? Im Gegensatz zum vorher Gesehenen ist die letzte Einstellung bewusst weich und harmonisch. Also doch ein wenig Puderzucker. Aber nur kurz. Im Hinblick auf den Titel hieß es im ‘Kleinen Prinzen‘ noch ‘zähme mich!‘ Kann das Gleiche sein… Solche Filme brauchen wir einfach – mit allen Unzulänglichkeiten. Sie zeigen einfach etwas ganz anderes als das amerikanische Kino.


Filmkritik zu Die süße Haut - 28.10.2014 10:22

Ein Klassiker aus der Kategorie ‘Ehedramen der 60er Jahre‘. Alle diese Filme haben die gleiche Einteilung: a)Anmache, b)Ausführung und c)Finale. Dabei sind die einzelnen Abschnitte verschieden lang und haben unterschiedliche dramaturgische Bedeutung. Hier ist der a-Teil das Übliche. Teil b wird ausführlich behandelt und da liegt Truffauts Stärke. Er erzählt schnörkellos, wie der ‘Held‘ Pierre (Jean Desailly) sich selber die Mühlsteine reihenweise um den Hals legt und Grönemeyers Zeile ‘Männer lügen am Telefon‘ wahr macht. Er wirkt gehetzt und rennt unaufhörlich von Termin zu Termin. Seine Ehefrau Franca (Nelly Benedetti) kommt ihm leicht auf die Schliche: heftiger Streit, Ohrfeige, Flinte. Bis sie sich zu einer konsequenten Aktion durchringt, ist sie ständig zwischen abgewiesener Zuneigung, Eifersucht und verletztem Stolz hin und hergerissen. Da hat es Nicole (Francoise Dorléac) leichter. Sie muss nur schön sein und in einer Szene die Entfremdung zu Pierre gesprächsmäßig rüberbringen. Das gelingt ihr allerdings spielerisch leicht. Truffaut erweist sich hier als gelehriger Schüler von Hitchcock, was die Verzögerung der Aktionen angeht (wie im ‘Zerrissenen Vorhang‘) und was die optisch sexlose Liebe betrifft (in allen Hitchcock-Filmen). Hier genügt ein zerwühltes Bett. Man sieht nichts, man ahnt und weiß. Da genügt das Entrollen eines Nylonstrumpfes, indem der Strumpfhalter gelöst wird. Der die Handlung dauerhaft begleitende Soundtrack nervt. Gottseidank wird es zur Abwechslung auch mal ausgesetzt und dann wieder bewusst neu angesetzt. Die Eile überträgt sich auf die Zuschauer, die erst beim letzten Ton (einem Schuss!) durchschnaufen. Klasse 60er Jahre-Atmosphäre, als der moralische Druck und die Konventionen noch ein echtes Hindernis für den Seitensprung waren.

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