DVD-Feature: Helmut Dietls Karikatur der Münchner Busserlgesellschaft | FILMREPORTER.de
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Dietls amüsante Abrechnung mit der Münchner Schickeria
Gesellschaftliches Trüffelschwein

Helmut Dietls Karikatur der Münchner Busserlgesellschaft

Baby Schimmerlos ist wieder da! Gut 20 Jahre nach der Erstausstrahlung von Helmut Dietls TV-Sechsteiler Kir Royal (1986) sind die Abenteuer des Münchner Klatschkolumnisten (Franz-Xaver Kroetz), seiner dauergestressten Freundin Mona (Senta Berger) und des treuergebenen Fotografen Herbie Fried (Dieter Hildebrandt) endlich auf DVD erhältlich.
Von  Michael Wenk, 25. Januar 2005

Genießen ihr neues Leben in der High Society: Mona (Senta Berger) und Baby (Franz-Xaver Kroetz)

Genießen ihr neues Leben in der High Society: Mona (Senta Berger) und Baby (Franz-Xaver Kroetz)

Inspiriert von Erinnerungen des langjährigen Münchner Klatschreporters Michael Graeter, sind die von Helmut Dietl und seinem Co-Autor Patrick Süsskind ersonnenen Figuren längst Allgemeingut. Karikiert wird die Selbstdarstellungssucht der Münchner Schickeria, deren allabendliche Festgelage am nächsten Morgen in der Gesellschaftsspalte des Baby Schimmerlos nachzulesen sind. Da bemüht sich der steinreiche, provinzielle Fabrikant Heinrich Haffenloher (Mario Adorf) skurril-komisch um eine Personality-Story in Babys Kolumne. Der angeblichen Schwangerschaft eines deutschen Soap-Opera-Stars (Christine Schuberth) wird akribisch hinterher recherchiert. Die öffentlichkeitsscheue Filmdiva Claire Maetzig (Marianne Hoppe) macht sich nach München auf, um dort ihren todkranken Geliebten und einstigen Komponisten (Curt Bois) ein letztes Mal zu sehen. Der publikumswirksam inszenierte Staatsbesuch einer ursprünglich aus München stammenden Königin (Michaela May) endet mit einem Eklat: Hatte die Monarchin in ihrer Hotelsuite doch einen brandheißen Waffendeal für ihr Dritte-Welt-Reich ausgehandelt. Letztendlich jagen Baby und Fotograf Herbie einem millionenschweren Großindustriellen hinterher, der auf einem Schloss vor den Toren Münchens angeblich Orgien mit jungen Burschen feiern soll.

BMG Media bringt die sechs Folgen à 60 Minuten auf drei DVDs heraus. Und einen Bonus gibt es noch obendrauf: Einen englischsprachigen Trailer, der seinerzeit für die internationale Vermarktung von "Kir Royal" gedacht war. Das grafisch gelungene Cover der DVD-Edition greift das Vorspannmotiv von "Kir Royal" auf: Sich im Scheinwerferglanz drehende Champagnergläser vor rotem Hintergrund, im Film unterlegt mit der inzwischen legendären Erkennungsmelodie von Konstantin Wecker.

Monas (Senta Berger) neues Lieblingsgetränk: Kir Royal - rot, prickelnd, süß und teuer

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Für Aufruhr bei der Erstsendung im Oktober 1986 sorgte eine Szene der "Kir Royal"-Folge Nr. 3 "Das Volk sieht nichts": Baby Schimmerlos wird in halbseidene Immobilienpläne des Konsuls Dürkheimer (Boy Gobert) verstrickt. Er soll als Strohmann für den nur begrenzt kreditwürdigen Dürkheimer auftreten, der ein Grundstück mit Villa am Ufer des Starnberger Sees zu erwerben gedenkt. Da gilt es, sich beizeiten mit den Honoratioren der kleinen Gemeinde gut zu stellen, insbesondere mit dem Gemeindepfarrer (Karl Obermayr). Am Rande einer Fronleichnamsprozession sucht Schimmerlos das vertrauliche Gespräch mit dem Pfarrer in dessen Beichtstuhl, um ihm bei dieser Gelegenheit einen Umschlag mit Schmiergeld zuzustecken. - Nach der Erstausstrahlung hagelte es Proteste seitens der katholischen Kirche, die ihren Klerus nicht dem Anschein der Bestechlichkeit ausgesetzt sehen wollte. Dietl und der für "Kir Royal" verantwortliche WDR reagierten, die Szene wurde umgehend herausgeschnitten, und seither läuft die dritte Folge der Serie in leicht geschnittener Fassung.Was bleibt, sind sechs Stunden Vergnügen an einer Gesellschaftssatire, die bis heute konkurrenzlos ist. Vielleicht auch, weil liebenswert-exhibitionistische und zugleich unverwechselbare Protagonisten der Münchner Society seit den 80er Jahren durchaus Mangelware geworden sind.

Für den 1944 geborenen Regisseur Helmut Dietl bedeutete "Kir Royal" den vorläufigen Abschied von der Fernseharbeit. Durch die TV-Serien "Münchner Geschichten" (1973/74) und "Monaco France" (1982/83) zum gefragten Filmemacher geworden, widmete er sich fast ausnahmslos Projekten fürs Kino: Mediensatiren wie "Schtonk!"(1991/92), "Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" (1996/97), "Late Show" (1998/99) und seine neueste Produktion "Vom Suchen und Finden der Liebe"(2004/05) bewiesen zwar abermals Dietls Witz und handwerkliche Brillanz. Als sein magnum opus aber wird auch künftig "Kir Royal" gelten.
Michael Wenk - 25. Januar 2005

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