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Interview

Volker Schlöndorff
Ottfilm

Grotesker Trommel der Geschichte

Volker Schlöndorffs zweite Blechtrommel
1979 hebt "Die Blechtrommel" nicht nur den Neuen Deutschen Film auf die internationale Bühne. Das mit dem Oscar ausgezeichnete Drama markiert auch den internationalen Durchbruch von Volker Schlöndorff. Da die Adaption des gleichnamigen Romans von Günter Grass für die Kinos zu lang ist, kürzt Schlöndorff die Groteske um 20 Minuten. Dem Erfolg tut dies keinen Abbruch. Über 30 Jahre später wird der Klassiker um die fehlenden Passagen ergänzt und 2010 auf dem Filmfestival in Cannes uraufgeführt. Im selben Jahr wird der Film auf dem Münchner Filmfestival präsentiert und vom Publikum begeistert gefeiert. Anlässlich der Aufführung hat Filmreporter.de den Filmemacher zur Rekonstruktion der "Blechtrommel" befragt.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  1. April 2020
Volker Schlöndorff, David Bennent und Mario Adorf auf dem roten Teppich
Willy Flemmer/Ricore Text
Volker Schlöndorff, David Bennent und Mario Adorf auf dem roten Teppich
Ricore: 2010 kam der Director's Cut von "Die Blechtrommel" auf Video heraus. Was waren die Gründe für die Kürzung der Kinofassung?

Volker Schlöndorff: Vor 30 Jahren dauerte ein Film in der Regel 90 Minuten. Wenn er zwei Stunden lang war, dann fiel er bereits in die Kategorie 'Überlänge'. Wir hatten mit dem Verleih United Artists ausgehandelt, dass der Film maximal 135 Minuten lang sein durfte. An dieser Vereinbarung war überhaupt nicht zu rütteln. Als wir Günter Grass' Roman verfilmten, waren wir immer noch fast eine halbe Stunde zu lang. So mussten wir einige Szenen herausschneiden. Als "Die Blechtrommel" dann ein Riesenerfolg wurde, sagten alle, dass ich daran nichts mehr ändern sollte. Heute bedauere ich, den Film nicht schon vor zehn oder 20 Jahren um die herausgeschnittenen Szenen ergänzt zu haben. Ich fand die gekürzte Version zu hektisch. Außerdem wurden einige Nebenpersonen geopfert. Der Charakter von Mario Adorf war nicht so rund, wie er hätte sein sollen, usw. Mit dem Director's Cut bin ich sehr zufrieden. An der Reaktion der Zuschauer merkt man auch, dass der Film nicht zu lang ist. Die 164 Minuten sind zu ertragen.

Ricore: Hatten Sie damals den Eindruck, dass "Die Blechtrommel" durch die Kürzung etwas verloren hat?

Schlöndorff: Ich war mit dem Ende immer unglücklich. Die Flucht nach Danzig wirkte zu hastig und abgehackt. Aber als Filmemacher muss man eben auch Kompromisse machen können. Kino ist nun mal auch eine Frage des Geldes. Dennoch hat im Sinne der Integrität immer etwas gefehlt. Aus diesem Grund habe ich für die vollständige Version gekämpft. Es war keineswegs so, dass der Wunsch von den Produzenten oder dem Verleih ausging, um den Film nochmal aktuell zu machen. Sie waren vielmehr gegen den "Director's Cut". Aus diesem Grund habe ich die vollständige Fassung erst einmal digital simuliert, um die Verantwortlichen von dem Ergebnis zu überzeugen.


Volker Schlöndorff
Tzveta Bozadjieva
Volker Schlöndorff

Taufrisches Negativ

Ricore: Gab es bei der Rekonstruktion technische Probleme?

Schlöndorff: Zunächst einmal gab es eine große technische Freude. Das Negativmaterial war noch so taufrisch, dass das zum überzeugendsten Argument für eine vollständige Fassung wurde. Das Material litt überhaupt nicht unter der Zeit, sondern sah optisch brillant aus. Das Problem war nur, dass es keinen Ton gab. So standen wir vor dem Problem, ob es überhaupt möglich ist, die Kinderstimme von David Bennent wieder hinzubekommen. Dank findiger Digitaltechnik ist uns auch das gelungen. Bei Katharina Thalbach war das nicht möglich. Sie konnte sich nicht glaubwürdig als 18-Jährige synchronisieren. Zum Glück hatte ihre Tochter Anna nicht nur eine jugendfrische Stimme, diese ähnelte auch der Mutter.

Ricore: Heute gibt es einen regelrechten Hype um Director's Cuts? Haben Sie nicht den Eindruck, dass man auf verschiedene Versionen eines Films hinarbeitet, um mehr Gewinn aus einem Film zu holen?

Schlöndorff: Vor 30 Jahren gab es noch strikte Regeln. Ein Film durfte nun mal eine bestimmte Länge nicht überschreiten, worunter viele Regisseure sehr litten. Heute dürfen Filme auch drei oder vier Stunden dauern. Das führt dazu, dass die Regisseure bei der künstlerischen Gestaltung viel mehr Freiheit haben. Deswegen muss es später nicht unbedingt eine ursprüngliche Version ihrer Filme geben. Und doch geben die digitale Technik des DVD und Blu-ray die Möglichkeit, Filme in einer weiteren Fassung auszuwerten.

Ricore: "Die Blechtrommel" ist auch ein großartiger 'Kinderfilm'. Wie war die Zusammenarbeit mit dem damals 11-jährigen David Bennent?

Schlöndorff: Ich bin immer wieder erschrocken darüber, was wir ihm damals alles zugemutet haben (lacht). Im fertigen Film sehen gewisse Szenen erschreckend aus. Als sich meine Tochter den Film vor kurzem zum ersten Mal ansah, fand sie ihn gruselig. Sie hatte regelrecht Angst vor David, sie gruselte sich vor seinen Augen und seinem Blick. Das ist aber nur die Wirkung, die der fertige Film ausstrahlt. Der Dreh war für David überhaupt nicht Angst einflößend. Im Gegenteil, er hatte einen Riesenspaß. Was im Film schrecklich aussieht, wurde beim Drehen in die jeweiligen Einstellungen aufgelöst. Wir drehten erst den einen Teil, dann den nächsten, usw. Das Erlebnis beim Dreh ist niemals so geballt, wie man es in der endgültigen Fassung wahrnimmt. David hat also kein Trauma davongetragen. Für ihn war es viel schwieriger, damit fertig zu werden, dass er auch als Erwachsener immer wieder auf diese Rolle festgelegt wurde.


Auch international anerkannt: Volker Schlöndorff
Progress Film-Verleih
Auch international anerkannt: Volker Schlöndorff

Ich habe David geliebt

Ricore: Man kann sich ihn tatsächlich schwer als Erwachsenen vorstellen.

Schlöndorff: Ja, es war sehr schwer für ihn, sich von dieser Rolle wieder frei zu machen.

Ricore: Großartige Leistungen von Kinderdarstellern sind immer auch das Verdienst der Regisseure, die sie leiten. Sehen Sie die Leistung von David Bennent in "Die Blechtrommel" auch ein wenig als ihr Verdienst an?

Schlöndorff: Ich habe David damals geliebt. Weil ich keine eigenen Kinder hatte, sah ich ihn vielleicht ein bisschen als Ersatz an. Außerdem war meine Arbeit mit ihm auch eine Art Kompensation. Ich war immer ein ganz normales braves Kind. Bei den Dreharbeiten zu "Die Blechtrommel" konnte ich in David das Enfant terrible in mir hervorrufen. Durch ihn konnte ich als Erwachsener die Anarchie des Kindes ausleben, die ich als Kind nicht erlebt hatte. Ein weiterer Grund, wieso David in der Rolle so gut war, war die Tatsache, dass er die Rolle eigentlich nicht spielte. Er war ja auch ein kleinwüchsiges Kind und hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Oskar. Insofern war "Die Blechtrommel" auch ein Dokumentarfilm über den elfjährigen David. Was sich in seinen Augen abspielte, konnte man nicht inszenieren. Man konnte seine Gefühlsregungen und seinen überwältigenden Gesichtsausdruck höchstens wachrufen.

Ricore: Wie empfanden die anderen Schauspieler die enge Bindung zwischen Ihnen und David?

Schlöndorff: Sie wurde deswegen oft böse. Mario Adorf und Katharina Thalbach waren regelrecht empört darüber, dass ich so viel Zuneigung in die eine Rolle investierte. Ich selbst hatte darüber nicht viel nachgedacht. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich mich dem Jungen mit besonderer Hingabe zuwende.


Ist um den Film nicht bange: Regisseur Volker Schlöndorff
Progress Film-Verleih
Ist um den Film nicht bange: Regisseur Volker Schlöndorff

Kleine private und große Geschichte parallel

Ricore: Wie erklären Sie sich heute den zeitlosen Erfolg von "Die Blechtrommel"?

Schlöndorff: Ich denke, da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Der wichtigste war natürlich David als Hauptdarsteller. Außerdem hatte der Roman und mehr noch das Drehbuch den genialen Einfall, die Lebensgeschichte eines Jungen mit dem geschichtlichen Hintergrund zu verbinden. Es kommt eine Nazi-Partei an die Macht, die ganz Deutschland übernimmt, den Krieg verursacht und dann zusammenbricht. Die kleine private und die große Geschichte laufen parallel, wobei sie sich an paar Punkten überschneiden. So ist der kleine Oskar in der Danziger Post, als die ersten Schüsse des zweiten Weltkrieges fallen. Er ist in Paris, als Hitler die Stadt einnimmt. Er ist in der Normandie, als dort die Alliierten landen und er ist wieder in Danzig, als die rote Armee einmarschiert und den Krieg beendet.

Ricore: Dabei entwirft der Film sozusagen eine Art Comédie Humaine, indem er das menschliche Treiben aus einer Art göttlichen Perspektive betrachtet.

Schlöndorff: Ja, das stimmt. Die Vorlage ist Ausdruck der Lebenserfahrung von Günter Grass. Ebenso wie Oskar Matzerath kommt auch er aus einer Kleinbürgerfamilie in einem Vorort von Danzig und seine Eltern hatten ebenfalls einen Kolonialwarenladen. Wie Oskar hat auch er die Erlebnisse um ihn herum mit der ganzen Aufmerksamkeit eines Kindes aufgesogen. Später hatte Grass die Macht der Sprache, um all das Erlebte zu erzählen. Bei der Arbeit am Film habe ich nach und nach festgestellt, dass in dem Buch nichts frei erfunden war. Er benutzt zwar das Mittel der Übertreibung aber diese geht von tatsächlich Erlebtem aus.

Ricore: Dabei ist sowohl der Film als auch das Buch bei aller zeitgeschichtlichen Brisanz auch sehr komisch. Ist Komödie die geeignetere Form, um den Schrecken des Zweiten Weltkrieges oder des Krieges per se wiederzugeben?

Schlöndorff: Ja, tatsächlich kann man gewisse politische Ereignisse nur als Groteske darstellen. Die Berliner- bzw. die Kongo-Konferenz vor 125 Jahren ist so eine Groteske der Geschichte. Damals trafen sich 14 Länder und teilten Afrika untereinander auf, indem sie einfach Linien über die Landkarte zogen. Dabei war auf der Konferenz kein einziger Afrikaner vertreten. Darunter leidet der Kontinent noch heute. Diese Vorgehensweise ist so unfassbar, dass man es nur als Witz darstellen kann. Wenn man sich heute Dokumentaraufnahmen von Hitler oder Mussolini ansieht, dann erscheinen sie wie Clowns. Künstler wie Charles Chaplin und Ernst Lubitsch haben das sofort begriffen und sie parodiert. Wenn man aber andererseits etwas als Groteske darstellt, muss man immer vom Realismus ausgehen. Sonst wird die Darstellung zu einem bloßen Lustspiel. Der Zuschauer darf nicht vergessen, dass die Geschichtsdarstellung zwar einerseits wie ein Witz aussieht, dass sie andererseits auf realen Tatsachen aufbaut.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  1. April 2020

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