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Hauptdarsteller der griechischen Sage: das Trojanische Pferd
Troja - ein Unglück kommt selten allein

Petersens Gottloses Getümmel

Wenn sich Pech und Unvermögen auf der Kinoleinwand paaren, ist das Ergebnis entweder eine witzige Komödie - oder ein monumentales Filmdesaster, das seinen Machern aus der Hand geglitten ist. Ein aktuelles Mahnmal ist in diesem Sinne Wolfgang Petersens Historienstreifen "Troja", der Brad Pitt als Kinogott unsterblich machen sollte.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de, 18. Mai 2004

Eric Bana rettet vergeblich die Ehre der Trojaner

Eric Bana rettet vergeblich die Ehre der Trojaner

Eine "Ilias" ohne Götter ist in etwa so bedeutsam wie "Die Passion Christi" ohne Jesus. Doch auch diese Binsenweisheit konnte Wolfgang Petersen (63) nicht davon abhalten, das ellenlange Homer-Epos ohne Zeus und Co. zu inszenieren. In seinem 162 Minuten langen Sandalenschinken "Troja" schwelgt der deutschstämmige Hollywood-Regisseur in überkommenen Klischees und zähen Dialogen. Er vergöttert lieber - welch Ersatz - seine Hauptdarsteller Brad Pitt (Achilles), Orlando Bloom (Paris) und Eric "The Hulk" Bana alias Hector als ikonengleiche Leinwandfetische ganz im Stil der 50er-Jahre. Drei exquisit herausgeputzte Kerle auf den Spuren von Marlene Dietrich und der Garbo - das ergibt, obgleich den Jungs zum Gipfel des Olymps noch das Charisma fehlt, ein bislang unerreichtes Schlüsselreize-Bombardement für Playgirl-Abonnentinnen und sanfte Gemüter.

Auch sonst nimmt sich der Film enorme Freiheiten, so verkürzt er etwa die jahrelang andauernde Belagerung von Troja durch die Griechen auf wenige Wochen und verbiegt den in der Vorlage bisexuellen Achilles zum radikalen Frauenhelden. Selbst die Ausgangslage ist in "Troja" recht verquer: Nachdem der liebeskranke Trojanische Prinz Paris - das Weichei unseres Männertrios - die schöne Tochter Helena (Diane Kruger) des spartanischen Königs Menelaos (Brendan Gleeson) entführt, vereinigt dessen von Brian Cox gespielter Bruder Agamemnon, seines Zeichens König von Mykene, die griechischen Stämme zum Feldzug gegen Troja. Nach der Landung der Armada werden die Griechen jedoch in einer Serie von blutigen Schlachten immer wieder zurückgeschlagen - bis die Angreifer sich auf ein hölzernes Pferd besinnen, in dessen Bauch sie Truppen hinter Trojas Mauern schmuggeln und den Stadtstaat niederbrennen können.

Körperkult ohne antiken Touch: Brad Pitt

Körperkult ohne antiken Touch: Brad Pitt

Kein Wunder, dass sich die Götter gegen "Troja" irgendwie verschworen haben: In Malta verletzt sich ein Stuntman bei den Dreharbeiten tödlich, der Laptop eines Cutters wird mit dem darauf gespeicherten Filmmaterial gestohlen (was die Furcht vor Raubkopien nährt), und die allgemeine Terrorangst erforderte eine Verlagerung der ursprünglich für Marokko geplanten Produktion nach Mexiko. Dort müssen Botaniker an einem sechs Kilometer langen Strandabschnitt erst einmal 4.000 unter Naturschutz stehende Kakteen verpflanzen, während Tierschützer Tag und Nacht nach den Eiern einer seltenen Schildkrötenart suchen, um sie in Brutkästen in Sicherheit zu bringen. Als russische Frachtflugzeuge schließlich die 200 Tonnen schweren Kulissen und Ausrüstungsgegenstände von Malta nach Mexiko transportieren, trifft die Filmemacher eine weitere bittere Erkenntnis: In den Tropen ist es heiß und schwül. Darunter leiden nicht nur Altstars wie Peter O'Toole (71) seines Zeichens König Priamos von Troja, sondern auch die 1.500 in schwerer Kampfmontur verkleideten Statisten. Als besonders aufsässig erweisen sich dabei 250 aus Sofia eingeflogene Gewichtheber, denen sowohl die karge Bezahlung als auch die scharfe mexikanische Verpflegung (Montezumas Rache) nicht behagt. Die Muskelmänner streiken mehrere Tage, ein Teil fliegt anschließend sogar wütend nach Bulgarien zurück.

Als endlich das in Hunderte von Einzelteilen zerlegte Trojanische Pferd in Mexiko eintreffen, haben die Gezeiten 50 Meter Strand ins Meer gespült. Die Folge: die Motoren der nachgebauten griechischen Armada funktionieren nicht. Dann, kurz vor dem geplanten Showdown zwischen Hector und Achilles, ereilt Brad Pitt das Pech: Der durchtrainierte Superstar, dessen Unsterblichkeit der Streifen garantieren sollte, verletzt sich - welch Ironie - an der Achillessehne. Einige Tage später macht Hurricane Marty das künstliche Troja vollends platt. Der Wiederaufbau der Kulissen und Pitts Rekonvaleszenz verzögern die Produktion um glatte drei Monate. Ein weiterer Rückschlag trifft die entsetzten Macher bei den ersten Probevorführungen: Der ausgefeilte Soundtrack von Gabriel Yared ("Der englische Patient") ist dem Testpublikum nicht geheuer und wird von den Produzenten prompt zurückgewiesen. Ersatzkomponist James Horner schreibt daraufhin in Rekordzeit einen furchtbar konventionelle, gewohnt schwülstig-platte Hollywood-Score.

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