Filmkritik: Glanzleistung, Robert Redford! | FILMREPORTER.de
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Robert Redford in "All Is Lost"
Nichts ist hier verloren

Glanzleistung, Robert Redford!

Robert Redford macht sich seid einigen Jahren als Schauspieler rar. Zuletzt war der Oscar-Preisträger in an der Seite von Tom Cruise in "Von Löwen und Lämmern" zu sehen. 2013 meldet er sich mit zwei Hauptrollen zurück. Neben dem von ihm selbst inszenierten Polit-Thriller "The Company You Keep - Die Akte Grant" spielt er auch in J.C. Chandors "All Is Lost" mit - und liefert die Schauspielleistung seines Lebens. So differenziert die Inszenierung Chandors ist, so nuanciert und frei von Effekten ist in diesem beklemmenden Drama auch Redfords Spiel.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 29. Dezember 2013

Robert Redford in "All Is Lost"

Robert Redford in "All Is Lost"

Verloren in der Weite des Ozeans
Ein Segler wird auf dem Indischen Ozean jäh aus dem Schlaf geweckt, als ein verloren gegangener Schiffscontainer sein Segelboot rammt. Das Leck kann der erfahrene Kapitän zwar notdürftig reparieren, doch dann versagen Navigationssystem und Funkgerät ihre Dienste. Derart auf sich allein gestellt, treibt der Mann im weiten Ozean ziel- und orientierungslos umher. Der sengenden Hitze einerseits und den tosenden Stürmen andererseits ausgesetzt, bleibt ihm nichts anderes übrig als auf seinen Überlebensinstinkt und seine Segelerfahrung zu setzen. Seine einzige Hoffnung ist, von der Strömung auf eine der Schifffahrtstrecken getrieben zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Schiff entdeckt zu werden, ist aber sehr klein.

'Der alte Mann und das Meer' - wie Ernest Hemingways geniale Kurzgeschichte ist auch "All Is Lost" mehr als ein Kammerspiel. Mit der Beschränkung auf einen Charakter bewegt sich Autor und Regisseur J.C. Chandor mit Darsteller Robert Redford im Bereich des kaum mehr zu steigernden 'Mikro-Dramas', wie der Film-Dienst das Überlebensdrama bezeichnet.

Wie Hemingways Erzählung ist auch Chandors Drama eine Parabel über den existentiellen Kampf des Menschen gegen eine feindliche Natur. Durch die Gegenüberstellung zeigt Chandor die Kleinheit des Menschen, der mit einem Minimum zivilisatorischer Ausstattung den Kräften der erhabenen Natur ausgeliefert ist. Was dem Segler bleibt, ist kaum mehr als die Natur in ihm selbst: sein angeborener Instinkt - inklusive des unbedingten Überlebenswillens. So gesehen, beschränkt sich das Staunen Chandors nicht nur auf die Ursprungswelt. Sein beklemmendes Drama ist auch voller Bewunderung angesichts der unbändigen Entschlossenheit des Menschen, sich ihrer Rohheit unaufhörlich um seiner selbst willen widersetzen.

J.C. Chandor auf dem Set von "All Is Lost"

J.C. Chandor auf dem Set von "All Is Lost"

Gefangen in der Enge
So sehr der Protagonist der Unentrinnbarkeit der schier hoffnungslosen Situation ausgeliefert ist, so sehr ist der Zuschauer gezwungen, sie mit ihm auszuhalten. Chandor, der seinen Durchbruch 2011 mit dem leisen Wirtschaftsdrama "Der große Crash - Margin Call" schafft, erzeugt einen reizvollen Kontrast zwischen der unendlichen Weite des Ozeans und der räumlichen Begrenztheit, in der Segler und Zuschauer gefangen sind.

Durch die Inszenierung wirkt die Enge umso bedrückender. Nicht nur bleibt die Kamera - mit wenigen Ausnahmen, als sie den Ort des Geschehens für ein paar Augenblicke aus der Tiefe des Meeres zeigt - beharrlich im Boot des Seglers. Sie ist auch sonst sehr nah an der Figur dran, weicht ihr nicht von der Seite, zeigt sie im ständigen Kampf gegen die Elemente. Eine unmittelbare Bildkomposition, die jede künstliche Kadrierung vermeidet, sondern sich mit der Situation arrangiert, eine trotz der räumlichen Überschaubarkeit bewegliche Kamera sowie ein flotter Schnitt tun das Übrige, um der Situation des Mannes Dramatik und Authentizität zu verleihen.

Das Herzstück von "All ist Lost" ist bei aller inszenatorischen Klugheit Hauptdarsteller Robert Redford. Der Oscar-prämierte Filmemacher machte sich als Schauspieler in den letzten Jahren rar, konzentriert sich vor allem auf das Inszenieren von Filmen wie "Die Lincoln Verschwörung". 2013 meldet er sich sechs Jahre nachdem er an der Seite von Tom Cruise in "Von Löwen und Lämmern" spielte, mit zwei Hauptrollen zurück. Neben "All ist Lost" ist er in dem von ihn selbst inszenierten Polit-Thriller "The Company You Keep - Die Akte Grant" zu sehen.

"All ist Lost" ist nicht nur Chandors, sondern mindestens auch Redfords Film. In jeder Szene präsent, beschränkt sich dessen Spiel in dem Ein-Mann-Stück lediglich auf Mimik und Gestik. Redford vermeidet große und effektvolle Gesten. Wie Chandors Inszenierungskunst alles Emphatische vermeidet, bleibt auch er immer nuanciert. Er zeigt seinen Protagonisten nicht als fühlenden und reflektierenden, sondern als stets agierenden und reagierenden Menschen. Er gönnt ihm keine Tränen, keine Zweifel und kein Verzweifeln. Den Kräften der Natur ausgeliefert, muss der Segler in einem fort kämpfen, um zu überleben, sich unentwegt bewegen und abstrampeln. Verharren bringt den sicheren Tod. In Redfords körperlichem, das Innere nur andeutendem Spiel verdichtet sich der existenzielle Kampf des Menschen mit der Natur in Reinform.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 29. Dezember 2013

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