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Christian Bale und Natalie Portman in "Knight of Cups"StudioCanal Germany
Christian Bale und Natalie Portman in "Knight of Cups"
"Knight of Cups" mit Christian Bale in Berlin
Berlinale: Terrence Malicks verlorener Ritter
Am vierten Tag der Berlinale ist unter anderem Terrence Malicks neuer Film "Knight of Cups" im Wettbewerb zu sehen. Das assoziative Drama handelt von einem Mann in der Filmindustrie, der sich in einer tiefen Existenzkrise befindet.
09. Feb 2015: Terrence Malicks Filme handeln immer von der Suche (des Filmemachers) nach der Wahrheit, einer beseelten Welt im Augenscheinlich-Irdischen, dem Dahinter, das sich nur sensiblen Naturen wie Künstlern erschließt. Der US-Regisseur ist einer der wenigen Mataphysiker des zeitgenössischen Kinos, dessen Welt- und Kunstanschauung mehr mit dem Werk Andrej Tarkowskijs zu tun hat als mit der Traumfabrik Hollywoods. Und doch hat sich Malick mit seinem jüngsten, dem siebten Film ausgerechnet in eine Welt gewagt, in der frei nach Brecht, nicht Wahrheiten, sondern Lügen verkauft werden.

"Knight of Cups" kreist um einen von Christian Bale gespielten Schauspieler (oder Produzenten), der auf dem Markt der Eitelkeiten eine offensichtlich gewichtige Rolle spielt. Parties, Frauen und Drogen sind die beherrschenden Konstanten in seinem Dasein. Daneben schälen sich im Laufe der für Malick typischen assoziativ erzählten Handlung nach und nach von Konflikten und Problemen gezeichneten Beziehungen zum Vater (Brian Dennehy) und seinem jüngeren Bruder (Wes Bentley) heraus, wobei vor allem der Bruder an einer implizierten Schuld des Vaters leidet.

Bales Charakter scheint im Leben alles erreicht zu haben, dennoch spürt er eine innere Leere, die ihn rastlos macht. Malick zeigt diesen Mann als Wanderer zwischen den Welten: Mal ist er auf wilden Partys, die er mal aktiv mit-feiernd, dann wieder passiv angewidert über sich ergehen lässt; oder der Regisseur setzt ihn in Wüsten- und anderen Naturlandschaften in Szene, die ahnen lassen, dass da einer vor der Welt des Scheins und Glamours fliehen will und sich nach dem Ursprünglichen sehnt. Er ist der Ritter, von dem der Titel und eine Stimme aus dem Off (im englischen Original: Ben Kingsley) erzählen: Einer, der auszog, um eine Perle zu finden, die heilige Mission jedoch über eine Welt von Verlockungen und Versprechungen aus dem Auge verloren hat.

In diesem Irrgarten der Lüste kreuzen auch zahlreiche Frauen den Weg des Mannes. Die Schauspielerinnen, Models und Tänzerinnen, mit denen Malick den Protagonisten umgibt, sind jedoch nicht nur Ausdruck einer hedonistischen Lebensweise; für den verirrten 'Ritter' bedeutet jede einzelne von ihnen auch eine potenzielle 'Perle'. In der Schönheit manifestiert sich das Geistige - was der Hollywoodbeau allenfalls ahnt, das wissen Philosophen wie Platon und Künstler wie Thomas Mann schon lange. Letzterer ließ bekanntlich einmal einen umher irrenden 'Ritter' das Ewige in der schönen Gestalt eines Jungen erkennen.

Neben der schönen kündigt bei Malick immer auch die leidende Frau die geistige Sphäre an. Eine Dominante im Leben des Schauspielers/Produzenten ist seine Ex-Frau, an die er sich angesichts der Verführungen im Wunderland nicht lange binden konnte. Cate Blanchett personifiziert dieses ewig Weibliche als Variation von Jessica Chastains liebende und leidende Ehefrau in "The Tree of Life". Während die Frau sich an der Quelle der Wahrheit befindet, ist der Mann der Unruhige, der ewig Suchende. Eines weiß oder ahnt dieser immerhin: dass die Wahrheit nicht auf der Zunge liegt. In kaum einem anderen Werk in der Geschichte des Kinos gibt es so viele schweigsame Männer wie bei Malick.

Mit dem Rationalen ist der Wahrheit nicht beizukommen, das ewig seiende ist eine Sache des Instinktes. Wie seinen männlichen Protagonisten geht es auch Malick. Aus diesem Grund hat der Filmemacher schon lange der klassischen Erzähldramaturgie abgeschworen. "Knight of Cups" bildet da keine Ausnahme. Nicht die Linie, das Vorwärtsdrängen über Anfang, Mitte und Ende bestimmt die Bewegung in Malicks Filmen, sondern das Kreisen um eine Sache. Auch findet man bei ihm nichts Ganzes, sondern allenfalls das Skizzenhafte, Angedeutete. In seinen Filmen ist nichts klar und deutlich, sondern alles nur verschwommen und diffus. Das ist die Logik im irrationalen Kino Malicks: Anders als das Materielle, hat das Geistige keine Konturen.
Willy Flemmer, Filmreporter.de
 
2021