RETRO Feature
Hans MoserDer Stern
Heinz Rühmann versucht zu vermitteln und informiert Bürckel in einer Drehpause über Mosers Befürchtungen. Der Reichskommissar lässt ausrichten, Moser stehe unter seinem persönlichen Schutz und könne ihn tagsüber jederzeit anrufen. Hinter vorgehaltener Hand reagiert Moser voller Argwohn auf das Angebot: "Tagsüber? Und was mache ich bitte nachts?"

Die Tragikomik der eingangs beschriebenen Situation könnte Bestandteil eines typischen Hans Moser-Films sein. Denn Kleinbürger, die der Willkür der Obrigkeit trotzen, gehören von jeher zu den Paraderollen des am 6. August 1880 als Johann Julier in Wien geborenen Schauspielers. Von Mitte der 1930er bis in die 1960er Jahre zählt Hans Moser zu den beliebtesten Stars des deutschsprachigen Unterhaltungsfilms. Kauzigkeit und Griesgrämigkeit der von ihm in über 150 Filmen dargestellten Charaktere lassen ihn als Anti-Typ zu strahlenden Leinwandhelden wie Hans Albers oder Willy Birgel erscheinen. Doch diese oberflächliche Wahrnehmung täuscht. Denn auch Moser spielt im Film seine ganz persönliche Heldenrolle: Die des Überlebenskünstlers und Alltagshelden.
Hans Moser in "Jetzt schlägt's 13!"Kinowelt
Jahre bitterer Armut
Schauspieler Hans Moser ist die Summe seiner leidvollen Erfahrungen zu Beginn seiner Laufbahn. Früh fasst der Sohn eines akademischen Malers den Entschluss, seine Tätigkeit in der Lederwarenhandlung aufzugeben und zum Theater zu gehen. Beim Hofschauspieler Josef Moser nimmt er Sprechunterricht und übernimmt dessen Familiennamen als Teil seines Künstlernamen. Hans Mosers erste 30 Theaterjahre gestalten sich mühevoll: Mit 17 Jahren landet er an Provinzbühnen, wo er sich als Statist und Chorsänger verdingt. Erste Sprechrollen ebnen ihm den Weg ans Wiener Theater in der Josefstadt. Doch die Möglichkeiten des nur 1 Meter 57 großen Moser, sich dort darstellerisch zu entfalten, sind begrenzt: Seine Auftritte erschöpfen sich in Chargen- und Kinderrollen. 1907 verlässt Moser das Josefstädter Theater und tingelt als Mitglied diverser Wanderbühnen durch Österreich-Ungarn. Jahre bitterer Armut folgen. Der Durchbruch als anerkannter Charakterdarsteller scheint in weite Ferne gerückt. Moser ist bereits 45 Jahre alt, als ihn 1925 erneut ein Ruf ans renommierte Theater in der Josefstadt ereilt. Durch seine jahrzehntelange Tätigkeit bei Bühne, Kabarett und Operette darstellerisch gereift, macht Moser als volkstümlicher Komödiant in Stücken von Nestroy, Arthur Schnitzler und Ödön von Horváth von sich reden. Die zeitgenössische Presse sieht in ihm den 'jüngsten und letzten wienerischen Hanswurst'.
Hans Moser in "Jetzt schlägt's 13!"Kinowelt
Harte Schale, goldenes Herz
Bereits zu Stummfilmzeiten steht Hans Moser mehrfach vor der Kamera. Meist spielt er subalterne Figuren wie Dienstmänner oder Gerichtsdiener. Größere Rollen bleiben ihm einstweilen versagt. Während das Aufkommen des Tonfilms Ende der 1920er Jahre manch altgedientem Stummfilmstar zu schaffen macht, erweist es sich für Moser als Glücksfall. Beruht seine darstellerische Wirkung doch darauf, neben mimischen und ausladenden gestischen Mitteln auch seine eigentümliche Sprechweise einsetzen zu können. Binnen kurzem werden Mosers Nuscheln und wienerisches Raunzen zu unverwechselbaren Markenzeichen. Seinem Typ entsprechend wird er im Film zum Inbegriff des schrullig-geizigen Kleinbürgers mit harter Schale und goldenem Herzen. Einen seiner ersten Tonfilm-Auftritte hat er 1931 als Partner des jungen Heinz Rühmann: In der Verwechslungskomödie "Man braucht kein Geld" spielt Moser einen Amerika-Auswanderer, der bei seiner Rückkehr in die alte Heimat irrtümlich als reicher Erbonkel hofiert wird.
Hans Moser im Kampf mit Theo Lingen ("Jetzt schlägt's 13!")Kinowelt
Komiker und Menschendarsteller
Obwohl regelmäßig beim Film beschäftigt, gelangt Hans Moser zunächst nicht über den Status des originellen Chargenspielers hinaus. Das ändert sich Mitte der 1930er Jahre, als Hunderte deutscher Filmschaffender vor rassischer und politischer Verfolgung durch die Nationalsozialisten ins Ausland fliehen müssen. Der gleichzeitig wachsende Bedarf an Filmlustspielen zur Ruhigstellung und Ablenkung der deutschen Bevölkerung katapultiert Moser in die vorderste Reihe der Kinostars. Vor allem seine gemeinsamen Auftritte mit Kollegen wie Heinz Rühmann und Theo Lingen kommen bestens an. Ob nervöser Gastwirt in "Der Himmel auf Erden", neureicher Schallplattenproduzent in "Ungeküsst soll man nicht schlafen gehn" oder umtriebiger Gutsbesitzer in "Der Mann, von dem man spricht": Moser begeistert ein Millionenpublikum. Vereinzelt erhält er auch Gelegenheit, sein Können als behutsamer Menschendarsteller unter Beweis zu stellen. So verkörpert er 1936 in "Das Gäßchen zum Paradies" einen verdrießlichen Prager Hundefänger, der sich in Gesellschaft eines Waisenjungen zum Menschen- und Tierfreund wird. Was die von Hans Moser dargestellten Figuren interessant macht und zeitlos erscheinen lässt, ist ihr persönlicher Entwicklungsprozess im Verlauf der jeweiligen Filmhandlung. Nicht selten wandelt sich Protagonist Moser so vom chaotischen Sausebraus zum geläuterten Zeitgenossen.
Hans Moser hoch zu RossDer Stern
Publikumsliebling unter Druck
Mosers berufliche wie persönliche Situation ändert sich schlagartig, als seine österreichische Heimat Mitte März 1938 von Wehrmachtstruppen besetzt und Teil des Deutschen Reiches wird. Zwar stehen Mosers komödiantische Qualitäten auch bei den nationalsozialistischen Machthabern hoch im Kurs. Reichskanzler Adolf Hitler gilt sogar als enthusiastischer Verehrer des Wiener Schauspielers. Dennoch darf Moser nur mit Sondergenehmigung des Berliner Propagandaministeriums beim Film arbeiten. Grund dafür ist Mosers Ehe mit seiner jüdischen Frau Blanca. Obwohl er von den Nationalsozialisten zur Scheidung genötigt wird, hält Moser seiner Frau die Treue. In einem persönlichen Brief an Adolf Hitler bittet er sogar darum, Blanca Moser von den für Juden geltenden Bestimmungen auszunehmen. Doch das Gnadengesuch bleibt ohne Wirkung. Um der Judenverfolgung in Wien zu entgehen, emigriert Blanca nach Budapest. Erst im Oktober 1944 kehrt sie zu ihrem Mann nach Wien zurück. Die privaten Sorgen Hans Mosers gehen mit einem beruflichen Höhenflug einher. In den Kriegsjahren dreht der Schauspieler Film auf Film, alles in allem vordergründig unpolitische Unterhaltung. Dass Moser 1939 im Schwank "Das Ekel" einen notorischen Nörgler spielt, den erst eine disziplinarische Gefängnisstrafe zum brauchbaren Staatsbürger macht, entspricht allerdings nur allzu merklich den Vorgaben der nationalsozialistischen Propaganda.
Hans Moser konsterniert ("Ober zahlen!")Kinowelt
Renaissance des Wiener-Films
Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erfasst eine Wien-Nostalgie den deutschen Unterhaltungsfilm. Die Donaumetropole erfährt eine filmische Verklärung als Hort herziger Liebesgeschichten und weinseliger Harmonie. Wie kein Zweiter scheint Hans Moser dazu berufen, der k.u.k.-Vergangenheit Wiens zu einer filmischen Renaissance zu verhelfen. Sein berühmtes Weinlied "Die Reblaus" aus dem 1940 entstandenen Lustspiel "Sieben Jahre Pech" trägt ebenso dazu bei wie Mosers Part des tollpatschigen Kaffeehauskellners in "Wiener G'schichten" oder des treusorgenden Kammerdieners in "Anton, der Letzte". Bewährter Partner in vielen Wien-Filmen ist Paul Hörbiger, dessen elegantes Äußeres und legerer Charme in effektvollem Gegensatz zum kleingewachsenen und meist hektisch agierenden Moser stehen. In "Wir bitten zum Tanz" spielen die beiden zwei miteinander verfeindete Tanzschulen-Inhaber und lassen 1944 im Musikfilm "Schrammeln" das Alt-Wiener Volkslied wieder aufleben.
Opernball
Relikt einer vergangenen Epoche
Auch nach 1945 ist Hans Moser ein dem Kinopublikum stets willkommener Unterhaltungskünstler. Bei der Auswahl seiner Rollen bleibt er dem Rezept aus Vorkriegs- und Kriegsjahren treu. So spielt er 1947 in "Der Hofrat Geiger" das in Ehren ergraute Faktotum eines von Paul Hörbiger dargestellten Pensionisten. 1948 gibt er in "Der Herr Kanzleirat" einen sittenstrengen Hagestolz, der sich entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten auf eine Affäre mit einer verheirateten Frau einlässt. Mit dem Komödienevergreen "Hallo Dienstmann" greift Moser 1951 nochmals seine Paraderolle des behäbigen, jedoch ums Wort nie verlegenen Wiener Dienstmanns auf. Mehr denn je wirken Moser und sein Dauerpartner Hörbiger wie liebenswerte Relikte einer vergangenen Epoche. 1957 stimmt das Duo in "Ober zahlen!" einen wehmütigen Abgesang auf die im Schwinden begriffene Wiener Kaffeehauskultur an. In "Hallo Taxi" spielen Moser und Hörbiger zwei altgediente Fiaker, die sich gegen die motorisierte Konkurrenz behaupten müssen. Einen letzten Höhepunkt seiner langen Filmkarriere erlebt Moser 1958 als Hauptdarsteller des Melodrams "Herrn Josefs letzte Liebe", an dessen Drehbuch er ebenfalls beteiligt ist: Als alter Kammerdiener, der in einem struppigen Straßenhund seinen letzten Freund findet, rührt er das Publikum zu Tränen. Bereits zu Lebzeiten als österreichische Schauspielerlegende verehrt, stirbt Hans Moser am 19. Juni 1964 83-jährig in seiner Heimatstadt Wien.
Von  Michael Wenk,  6. Februar 2021

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