Filmrevue
Rock Hudson in seinem Haus in Hollywood 1957.
Rock Hudson und sein Schattenmann
Retro Feature: Hollywood made in Illinois
Rock Hudson gilt in den 1960er Jahren als der erfolgreichste Schauspieler Hollywoods. Stets spielt er den Strahlemann, wird als Frauenschwarm wahrgenommen, unzählige Mädchen auf der ganzen Welt lieben ihn. Dabei hat er ein Geheimnis, das er zu verbergen sucht: seine Homosexualität. Was weniger bekannt ist: Seine Karriere weist verblüffende Parallelen zu der eines weiteren Hollywood-Stars auf...
erschienen am 1. November 2021
Koch Media
Charlton Heston als Kapitän Paul Blanchard in "U-Boot in Not"
Die Anfänge
Roy Scherer ist Sohn einer Telefonistin und eines Automechanikers. Der unauffällige Junge wächst an den Ufern des Lake Michigan in Illinois auf. Im wohlhabenden aber verschlafenen Winnetka ist nichts los, die einzige Attraktion ist ein kleiner Golfplatz. Scherers Jugend verläuft Ereignislos. Später wird man sich an einen schüchternen Jungen erinnern, der Zeitungen austrug und als Caddy im Golf Club arbeitete. In einer höheren Klasse an der New Trier High School sitzt John Charles Carter. Die Schüler kennen sich nicht. John besucht den Theaterkurs während Roy im Knabenchor singt. Wie viele andere teilen sie den Wunsch, der Bedeutungslosigkeit der Provinz zu entfliehen, um die Welt zu sehen. Noch ahnt niemand, dass beide die gleiche Karriere einschlagen werden. Zunächst wird Roy Harold Scherer Junior allerdings von seinem Stiefvater adoptiert und trägt ab sofort den Namen Roy Fitzgerald. Etwa zur gleichen Zeit lassen sich die Eltern von John Charles Carter scheiden, auch er wird von seinem Stiefvater adoptiert, nimmt ebenfalls einen neuen Namen an: John Charles Heston - später bekannt als Charlton Heston.
Film Revue
Rock Hudson, Cornell Borchers
Lockruf Hollywoods
Nach dem Schulabschluss verlassen Charlton und Roy das verschlafene Illinois und gehen zur Armee. Während John 1944 von der US-Air-Force in Alaska stationiert wird, dient Roy als Mechaniker bei der Navy. Er kommt schon jetzt in die Welt, seine Einsätze führen ihn in südostasiatische Gewässer bis auf die Philippinen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verlassen beide 1946 die Armee. Mit dem Wunsch, Schauspieler zu werden, zieht es Charlton nach New York an den berühmten Broadway, der schon damals als Synonym für die längste Theatermeile der Welt steht. Roy zieht es von Hollywoods Glanz angezogen in die Filmmetropole Los Angeles. Während Charlton sein Geld als Model verdient, arbeitet Roy als LKW Fahrer. Die Begegnung mit Talentscout Henry Willson ändert sein ganzes Leben. Der Hollywoodagent ist bekannt für mäßig begabte, aber gutaussehende Nachwuchsschauspieler. Wie den meisten seiner Schützlinge, gibt er auch Roy Fitzgerald einen neuen Namen: Rock Hudson.
Koch Media
Charlton Heston in der Rolle des Ritters Chrysagon
Marinesoldat bei der Luftwaffe
Willson verfügt über gute Kontakte und verschafft Rock einen Vertrag bei Universal, 1948 spielt er seine erste Rolle. Im gleichen Jahr wähnt sich an der Ostküste der Vereinigten Staaten auch Charlton seinem Traumberuf näher. In beiden Fällen handelt es sich jedoch nur um Etappenziele. Rock Hudsons Mini-Rolle im Kriegsfilm "Fighter Squadron" muss 38 Mal wiederholt werden, erst dann ist der Debütant in der Lage, den Einzeiler fehlerfrei aufzusagen. Dennoch wird er im Abspann nicht erwähnt. 4.000 Meilen weiter nordwestlich spielt Charlton am Broadway in William Shakespeares Tragödie "Antonius und Kleopatra" ebenfalls eine Nebenrolle. Das Schicksal will es, dass der ehemalige Marinesoldat Roy Fitzgerald in seinem ersten Film einen Leutnant der Luftwaffe spielt, während Charlton Heston, ehemaliger Soldat der Luftwaffe, in seinem ersten Broadway-Stück eine Figur entdeckt, die er noch viele Male in Hollywoodfilmen spielen wird: Den aus einer Seefahrerfamilie stammenden Politiker und Feldherren Marcus Antonius, der zu Land und zu Wasser gegen seine Feinde zog.
Koch Media
Charlton Heston als normannischer Ritter
Attraktivität statt Klasse
Obwohl sich Rock Hudson in seinem ersten Film nicht gerade durch sein Talent auffällt, gefällt seine physische Ausstrahlung. Die meisten Klienten Henry Willsons sind für ihr gutes Aussehen bekannt, der "Beefcake Aspekt" ist Grund für den Erfolg seiner Schauspieler. Damit wird in den USA ein gutaussehender und muskulöser Mann bezeichnet, der sich vor allem durch sein Äußeres verkauft. Auch bei Rock konzentrieren sich die Regisseure eher auf dessen Attraktivität, als auf seine darstellerischen Künste. So ist zu erklären, warum Rock Hudson vor der Kamera unverhältnismäßig viel Zeit mit nacktem Oberkörper verbringt. Dank seines athletischen Erscheinungsbildes wird er zu Beginn der 1950er Jahre vermehrt für Western wie "Winchester 73" (1950) besetzt. Grenzüberschreitende Popularität erlangt er bereits wenige Jahre später mit sentimentalen Rollen in Melodramen wie "Was der Himmel erlaubt" (1955).
Film Revue
Rock Hudson mit Schauspielkollegin Cornell Borchers
Auf Kuhhandel folgt eine Scharade
Schnell lernt Rock die Schattenseiten des Erfolgs kennen. Bereits seit einiger Zeit kursieren Gerüchte über seine homosexuellen Neigungen. Als das Confidential Magazine 1955 droht, einen Enthüllungsbericht über sein Leben zu veröffentlichen, gelingt es Universal Studios und Agent Henry Willson gerade noch, dies zu verhindern. Im Auftrag der Produktionsfirma vereinbart Willson mit dem Boulevardmagazin einen regelrechten Kuhhandel. Die schäbige Abmachung sieht folgendes vor: zu Rock Hudsons Homosexualität bewahrt das Blatt Stillschweigen. Im Gegenzug liefert der Agent zwei andere Klienten ans Messer. Er lässt dem Confidential Magazine tatsächlich Informationen über die Schauspieler Rory Calhoun und Tab Hunter zukommen. Für das Skandalblatt ist dies ein gefundenes Fressen. In einer der nächsten Ausgaben erfahren die Leser exklusiv von der Verhaftung Hunters bei einer Schwulenparty sowie einem Gefängnisaufenthalt Calhouns.
Filmrevue
Rock Hudson mit Gattin Phyllis Gates
Phyllis Gates hilfreich
Rock Hudsons Homosexualität wird - obwohl ein offenes Geheimnis - tatsächlich nicht mehr thematisiert. Doch Henry Willson ist alarmiert. Er drängt seinen Klienten zu einer Scheinehe und arrangiert in Rekordzeit eine Heirat. Kurz nachdem der Schauspieler beinahe geoutet worden wäre, wird die Öffentlichkeit durch die Blitz-Ehe mit Henry Willsons Sekretärin Phyllis Gates überrascht. In perfektem Zusammenspiel mit den Medien gelingt es dem Agenten, die gewünschte Berichterstattung zu steuern. Allen wichtigen Boulevardblättern wird die gleiche Meldung geschickt: Unter der Überschrift "Wenn die Arbeit getan ist, wartet daheim der Himmel" schwärmt Rock von seiner Traum-Ehe, erdreistet sich sogar zu der Aussage: "Unter all meinen Segen, ist meine Ehe sicherlich der wahrhaftigste." Das Paar wird zwar nur ein Jahr zusammenleben, doch die Gerüchte über Hudsons Homosexualität verstummen erst einmal.
Marcus Winslow
James Dean
Model wird Moses
Auch den jungen, inzwischen verheirateten Charlton Heston hat es nach Los Angeles verschlagen. Nach einigen Filmrollen in New York erhält er nun ebenfalls Aufträge für Hollywoodproduktionen. Im selben Jahr gelingt den beiden Söhnen Winnetkas der Durchbruch. Als Moses führt Charlton 1956 im Monumentalfilm "Die Zehn Gebote" sein Volk aus der ägyptischen Unterjochung ins Gelobte Land. Mit einer Körpergröße von 1,91 Meter und seinen kantigen Gesichtszügen gilt er als Idealbesetzung für Hollywoods epochale Dramen der 1950er und 1960er Jahre, auch das ehemalige Wäsche-Model wird vorzugsweise mit nacktem Oberkörper gezeigt. Heston leiht in kurzer Folge historischen und biblischen Figuren wie dem spanischen Nationalhelden "El Cid", Johannes dem Täufer ("Die größte Geschichte aller Zeiten") und Michelangelo sein Gesicht. Kein Schauspieler wird in dieser Zeit so sehr mit biblischen Heroen assoziiert, wie er.
Warner Bros.
Giganten
Auf dem Olymp
1956 ist auch das Jahr von Rock Hudson, der die Hauptrolle in "Giganten" ergattert. An seiner Seite spielt ein Newcomer, dessen kometenhafter Aufstieg ein Novum in der Filmgeschichte darstellt. Es ist erst der dritte Film für den rebellischen James Dean, doch bereits jetzt ist er eine Ikone. Zwischen den beiden Hauptdarstellern herrscht eine spürbare Rivalität. Während der etablierte Rock Hudson inzwischen 100.000 Dollar pro Film verdient, muss sich James Dean mit 1.500 Dollar pro Drehwoche begnügen. Noch vor dem US-Kinostart am 10. Oktober 2009 passiert das Unglück. Dean kommt bei einem Autounfall ums Leben, aber seine Popularität steigt ins Unermessliche. Für Hudson hat dies nicht nur negative Auswirkungen, er wird in der Folge zum gefragtesten Darsteller Hollywoods und erreicht den Zenit seiner Karriere. Kritiker attestieren ihm in "Giganten" eine herausragende Leistung und sind der Meinung, er übertrumpfe sogar James Dean und Elizabeth Taylor. Bei der Oscar-Verleihung kommt es zu der ungewöhnlichen Konstellation, dass mit Hudson und Dean zwei Schauspieler aus dem gleichen Film um die beste männliche Hauptrolle konkurrieren.
Warner Home Video
Ben Hur
Schwuler Ben Hur?
Nach knapp drei Jahren Ehe reicht Rock Hudsons Frau 1958 die Scheidung ein. Der Schauspieler hat keine Einwände. Er wird seine Ex-Frau nie wieder sehen. Gerüchte über seine sexuelle Ausrichtung nehmen wieder zu, tun seiner Popularität jedoch keinen Abbruch. Zur gleichen Zeit plant Regisseur William Wyler einen Monumentalfilm mit einem für damalige Zeiten gigantischen Budget von 15 Millionen US-Dollar. Rock lehnt die ihm angebotene Hauptrolle ab. Stattdessen wird sie mit einem anderen Schauspieler besetzt - Charlton Heston. "Ben Hur" geht im Jahr 1959 in die Filmgeschichte ein und wird mit elf Oscars ausgezeichnet, eine Marke die bis heute unübertroffen ist. Charlton wird als bester Hauptdarsteller gefeiert. Viele Jahre später wird bekannt, dass Drehbuchautor Gore Vidal homosexuellen Subtext in die Figurenzeichnung einfließen ließ. Er vereinbart mit Wyler, dass in der Freundschaft zwischen Judah Ben Hur und seinem Freund Messalla (Stephen Boyd) eine subtile, homosexuelle Komponente existieren soll. Da Charlton schon damals konservativ eingestellt ist, verschweigt man ihm dies jedoch. Boyd wird hingegen eingeweiht. Als Heston nach Kinostart davon erfährt, legt er wütend Protest ein, der jedoch nicht fruchtet. In diesem Zusammenhang wird gelegentlich bedauert, dass Rock Hudson die Rolle nicht angenommen habe. Allerdings ist es fraglich, ob dieser mit der Botschaft einverstanden gewesen wäre: Seine Homosexualität ist ein offenes Geheimnis, dennoch will sich der Schauspieler öffentlich nicht dazu bekennen.
Film Revue
Rock Hudson, Cornell Borchers
Erfundene Hochzeit
Ende der 1960er Jahre hat Rock Hudson den Zenit seiner Karriere überschritten. 1973 wird er Moderator der Oscar-Verleihung. Seine Komoderatoren sind Michael Caine, Carol Burnett und Charlton Heston. Zeitgleich verbreitet sich das Gerücht, Hudson habe den Schauspieler Jim Nabors geheiratet. Trotz der damaligen rechtlichen Unmöglichkeit gleichgeschlechtlicher Ehen, hält sich das Gerücht hartnäckig, wobei es nicht einer gewissen Grundlage entbehrt: Hudson und Nabors sind tatsächlich befreundet. Das Gerücht entstand, als eine Gruppe schwuler Bekannter aus Jux Einladungskarten für deren angebliche Hochzeit versandten. Dies hatte nachhaltige Konsequenzen: Nabors und Hudson werden nie wieder ein Wort miteinander sprechen.
Warner Bros.
Rock Hudsons enge Freundin Elizabeth Taylor
Die unbekannte Krankheit: AIDS
1984 wird bei Rock Hudson das neuartige HI-Virus diagnostiziert, das wegen der vornehmlich homosexuellen Erkrankten umgangssprachlich als "Schwulenpest" bezeichnet wird. Bald leidet Rock aufgrund seines geschwächten Immunsystems an zahlreichen schweren Krankheiten, innerhalb kürzester Zeit verschlechtert sich sein Gesundheitszustand dramatisch. Aber er hält seine Erkrankung zunächst geheim. Im Juni 1985 ist Rock in einer Fernsehshow seiner Freundin Doris Day zu Gast. Die Öffentlichkeit ist entsetzt, als sie die Bilder des schwerkranken Schauspielers sieht. Day starrt ihn während der Sendung mehrmals mitleidig an. Zeitungen und Nachrichtensendungen berichten tagelang von Rocks Auftritt. Er beschließt, nach Paris zu fliegen, um sich dort einer experimentellen Behandlung zu unterziehen. Zwei Schneidezähne sind locker, angesichts der offenen Wunden und Eiterblasen entscheidet man sich, eine öffentliche Erklärung abzugeben. Ärzte und Sprecher des Schauspielers teilen mit, Rock sei an inoperabler Leberzirrhose erkrankt. Als die Ärzte nichts mehr für ihn tun können, teilt der Schauspieler in einer Meldung mit, dass er an AIDS erkrankt sei und sterben werde. Kurze Zeit später veröffentlicht er eine weitere Meldung, in der es heißt, das Virus sei womöglich durch eine Bluttransfusion übertragen worden. Von seiner Homosexualität spricht er nicht. Rock spendet 250.000 Dollar an eine Stiftung, die AIDS-Erkrankte unterstützt. Am 2. Oktober 1985 stirbt Rock Hudson im Alter von 59 Jahren, seine Freundin Elizabeth Taylor steht ihm bis zum Ende bei.
Filmrevue
Rock Hudson
Zwei Sterne für Illinois
Rock Hudson gilt heute als der erste Prominente, der an der Immunschwächekrankheit AIDS gestorben ist. Kurz nach seinem Tod verabschiedet der US-Kongress ein Gesetz, das 221 Millionen Dollar für die AIDS-Forschung zur Verfügung stellt. AIDS schafft langsam den Weg ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Auf dem Hollywood Walk of Fame bekommt Rock Hudson seinen eigenen Stern. Wenn man etwas weiter geht, kann man auch den seines Schauspielkollegen Charlton Heston sehen, der einst die gleiche Schule im verschlafenen Ort am Lake Michigan besuchte und von dort auszog, um den Gipfel des Schauspiel-Olymps zu erklimmen.
erschienen am 1. November 2021
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Bevor der 1,91 Meter große Charlton Heston in Monumentalfilmen zu Ruhm kam, stand er auf Theaterbühnen, arbeitete als Modell und leitete sein eigenes Theater. 1959 feierte er den größten Erfolg seiner Karriere: für den elffach Ben Hur" bekam Heston eine goldene Statuette für die beste männliche Hauptrolle. So geradlinig seine Schauspielkarriere verlief, so umstritten waren seine politischen Ambitionen. In den späten 1980er und vor allem in den 1990er Jahren verwandelte sich Heston vom..
In den 1950er Jahren machte Rock Hudson durch zahlreiche Leinwanderfolge wie "Giganten" oder "Bettgeflüster" auf sich aufmerksam. Oft spielte er an der Seite von Liz Taylor und Doris Day, mit denen er Zeit seines Lebens befreundet war. In vielen Rollen verkörperte er den smarten Liebhaber und den Frauenversteher. Dieses Image wurde er nicht mehr los. Rock Hudson heiratete im Jahr 1955 überraschend seine Sekretärin Phyllis Gates. Bereits drei Jahre später ließ sich das Paar wieder scheiden...
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