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RETRO Feature
Jean-Paul Belmondo in "...und dennoch leben sie"
ARD Degeto

Jean-Paul Belmondo: Einmal Nouvelle Vague und zurück

Bébel, der Draufgänger

"Du bist wirklich zum Kotzen!" Mit diesem Satz endet ein Meilenstein der internationalen Filmgeschichte. In "Außer Atem" des französischen Filmpioniers Jean-Luc Godard wird Polizistenmörder Michel Poiccard von seiner Freundin Patricia verraten und anschließend erschossen. Die Rolle des unbekümmerten Draufgängers bekleidet der damals unbekannte Jean-Paul Belmondo. Trotz seines schiefen Grinsens, wulstigen Lippen und der eingedrückter Boxernase ist es der Beginn einer grandiosen Filmkarriere.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  23. September 2020
Jean-Paul Belmondo in "Der Außenseiter"
ARD Degeto
Jean-Paul Belmondo in "Der Außenseiter"

Ein Star wird geboren

Belmondo kommt am 9. April 1933 in einem noblen Vorort von Paris, als Sohn eines aus Sizilien immigrierten Bildhauers und einer Tänzerin zur Welt. Renommierte Schriftsteller wie Albert Camus und andere Künstler der damaligen Pariser Bohème geben sich im Atelier des alten Belmondo die Türklinke in die Hand. Der junge Jean-Paul kommt so frühzeitig mit Kunst und Kultur in Berührung. Während seiner Schulzeit gilt er als aufsässig und undiszipliniert, weshalb er mehrmals die Schule wechseln muss. Früh begeistert er sich für Boxen und Fußball. Ab seinem 13. Lebensjahr bestreitet er mehrere Boxkämpfe. Bei einer dieser sportlichen Auseinandersetzungen wird er krankenhausreif geschlagen. Noch im Krankenbett beschließt Jean-Paul sich fortan verstärkt der Schauspielerei zu widmen.


Erste Schritte und eine neue Welle

Bereits in den frühen 1950er Jahren ist Belmondo als Amateurschauspieler tätig, er wird am Pariser Konservatorium aufgenommen. "Schauspielen muss man lernen. Es ist nicht allzu schwer, aber man muss es lernen" weiß Belmondo zu berichten. Zunächst als Nebendarsteller in konventionellen französischen Unterhaltungsspielfilmen eingesetzt, profitiert er bald von dem Entschluss einiger renommierter Filmkritiker, selbst die Regie in die Hand zu nehmen. Auch François Truffaut, Claude Chabrol, Eric Rohmer, Jean-Luc Godard sowie Jacques Rivette rufen die Novelle Vague aus. Sie entwickeln mit geringen Budgets und einer neuen, unkonventioneller Filmsprache eine eigene Ästhetik. Mit wackliger Handkamera, improvisierten Dialogen sowie einer von der Norm abweichenden Schnitttechnik begegnen sie der kommerziellen Filmtradition. Godards "Außer Atem" ist das Manifest der neuen Stilrichtung und Belmondo einer ihrer Identifikationsfiguren. Er verkörpert in der Rolle des Michel Poiccard einen fatalistischen Antihelden, in dem sich besonders das junge Publikum gegen Ende der 1950er Jahre wiedererkennt.


Der Außenseiter
e-m-s
Der Außenseiter

Der ewige Rivale

Den plötzlichen Ruhm weiß Belmondo für sich zu nutzen. Er arbeitet in der Folge mit Regiegrößen wie Claude Sautet, Philippe de Broca oder Jean-Pierre Melville zusammen. Letzterer sagt über den Jungschauspieler: "Belmondo ist der außergewöhnlichste Schauspieler seiner Generation. Er kann einfach alles." Er spielt Verführer, Abenteurer, Rebellen, Ganoven und immer ist sein Engagement glaubwürdig und erfolgsversprechend. Sein großer Widersacher in dieser Zeit kommt aus eigenen Gefilden. Alain Delon ist der personifizierte Frauenschwarm mit aristokratischen Zügen und gilt als eleganter Gegenentwurf zu dem eher proletarisch anmutenden Belmondo. Man teilt sich den Ruhm bis es 1970 für "Die Losleger", einer in Marseille angesiedelten Gangstergeschichte aus den 1930er Jahren, zu einer Zusammenarbeit kommt. Sie endet vor Gericht, weil Belmondo aufgrund einer angeblichen Übervorteilung bei der Gagenabrechnung gegen Delon klagt. Auch wenn es mit diesem nicht harmoniert, liest sich die Liste seiner Filmpartner wie das Who is Who der europäischen Filmgeschichte: Jean Gabin, Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Omar Sharif, Claudia Cardinale und viele mehr.


Das As der Asse
Tobis
Das As der Asse

Actionheld und Stuntman

Im Verlauf seiner Karriere entwickelt sich Jean-Paul Belmondo immer mehr vom Charakterdarsteller zum charismatischen Actionhelden. Ob im Kampf für die Justiz oder als dessen Widersacher zeichnet seine Figuren immer ein gehöriges Maß an Mut zum Risiko aus. Wie im realen Leben, denn Belmondo bewältigt einen Großteil der zu absolvierenden Stunts selber. Dies ändert sich erst nach den Dreharbeiten zu der Gaunerkomödie "Der Boß" im Jahr 1985. Bei einem Sturz zieht sich Belmondo eine Kopfverletzung zu und entschließt sich sein Dasein als Actionstar zu beenden. Allerdings kann er damit keineswegs die niveauarme Entwicklung seiner Rollenfiguren, sowie die damit einhergehende Erfolglosigkeit, aufhalten. In den 1990er Jahren kommt seine Kinokarriere schließlich vollends zum Erliegen und er kehrt wieder zu seinen Ursprüngen zurück.


Jean-Paul Belmondo in "Der Profi"
ARD Degeto
Jean-Paul Belmondo in "Der Profi"

Privates

Bébel, wie ihn die Franzosen liebevoll nennen, kauft 1992 das Pariser Theater Variétés am Boulevard de Montmartre und ist fortan auf seiner eigenen Bühne zu sehen. Der Lebemann ist jedoch nicht nur ein erfolgreicher Schauspieler sondern zudem ein gern gesehenes und sehr aktives Mitglied des französischen Jetsets. Aus seiner Ehe mit der Tänzerin Renée Constant gehen drei Kinder hervor. Seine Tochter Patricia erliegt 1994 ihren schweren Verletzungen infolge eines Brandes. Die Scheidung von Renée erfolgt 1966 wegen einer Affäre Jean-Pauls mit der Schweizer Schauspielerin Ursula Andress. Doch das Leben auf der Überholspur fordert seinen Tribut. 2001 erleidet Belmondo einen Schlaganfall. Er muss sich mehrere Jahre aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. In dieser Zeit der inneren Einkehr ehelicht er seine langjährige Freundin Nathalie. Das Glück währt nur sechs Jahre, 2008 wird der Bund geschieden. Im Jahr zuvor wird er zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt und so verwundert es nicht, dass man Bébel mittlerweile schon wieder in Begleitung attraktiver junger Damen an der Côte d’Azur gesehen hat - ganz nach seinem Motto: "Man darf nie aufgeben, sich nie gehen lassen. Man muss immer in die Zukunft blicken".
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  23. September 2020

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Geboren in Neuilly-sur-Seine, Hauts-de-Seine, Frankreich, Sohn eines Künstlers, Spitzname: Bebel. verheiratet zunächst mit Elodie Constantin (geschieden), seither mit Natty Belmondo, insgesamt 4 Kinder aus beiden Beziehungen. weiter


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