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Interview
Regisseur Michael Haneke
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Wasser predigen und Wein trinken

Michael Haneke ist kein Pessimist

Etwas in "Das weiße Band" ist anders, als man es von Michael Haneke gewohnt ist. Nicht nur, dass er uns Schwarz-Weiß präsentiert, er wagt sich dieses Mal auch an ungewohnte Darsteller. Weder Juliette Binoche noch Isabelle Huppert spielen mit, dafür Ulrich Tukur, Burghart Klaußner und Josef Bierbichler. Trotz seiner bekannten Abneigung gegen Interviews zeigt sich Haneke in unserem Gespräch sympathisch offen.
Von  Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de,  20. Oktober 2009
Erntezeit bei "Das weiße Band"
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Erntezeit bei "Das weiße Band"
Ricore: Gibt es ein weißes Band?

Michael Haneke: Ja, die Geschichte habe ich aus einem Buch. Die meisten Geschichten, die darin vorkommen, habe ich aus verschiedenen Büchern. Ich habe Berge von Literatur über Erziehung und über das Leben im 19. Jahrhundert gelesen. Die Geschichte mit dem weißen Band habe ich aus einem Buch, in dem das den Eltern als Erziehungsratschlag gegeben wird. Sie sollen den Kindern sowas verpassen, weil es sie nicht nur daran erinnert, sondern sie auch vor den anderen bloßstellt und dadurch eine gravierende Wirkung hat. Es wäre sehr effizient und eine unbrutale Methode. Man müsste nicht schlagen sondern könnte mit dem weißen Band erziehen. Es hat sich aufgedrängt, das zu verwenden.

Ricore: Wann haben Sie begonnen, sich die Geschichte zurechtzulegen?

Haneke: Das ist schon lange her. Vor 15, 20 Jahre hatte ich die Grundidee. Ein Kinderchor auf einem Dorf, der die Ideale der Väter, die den Kindern verordnet werden, verabsolutiert und sich dadurch zum Richter derer macht, die Wasser predigen und Wein trinken. Alles aufgrund des Unglücks, in dem sie sich befinden. Es ist ja immer so, dort wo die Idee zu einer Ideologie wird, wird sie von denen ergriffen, denen es schlecht geht. Das ist das Grundmodell jeder Form von Terrorismus. Das war die Idee dahinter.

Ricore: Aber es gibt doch auch sympathische Terroristen...

Haneke: Also ich glaube, dass Terrorismus einfach unsympathisch ist, weil es immer auf Kosten anderer geht. Ich habe Ulrike Meinhof persönlich gekannt. Sie war ein sehr sympathischer, sehr intelligenter, warmherziger, sehr engagierter, humorvoller Mensch, was man sich vielleicht schwer vorstellen kann. Nur, ab einem bestimmten Punkt war sie das alles nicht mehr. Selbst wenn sie das gewesen wäre, sobald ich gegen jemanden Gewalt ausübe, hört die Sympathie auf. Dann ist das kein sympathischer Mensch mehr. Man kann vieles nachvollziehen und erklären, aber deswegen muss ich es nicht gut heißen.


Der Pfarrer reicht Anna (Roxane Duran) den Kelch beim Abendmahl
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Der Pfarrer reicht Anna (Roxane Duran) den Kelch beim Abendmahl
Ricore: Sie siedeln die Handlung vor dem Ersten Weltkrieg an. War die historische Distanz notwendig, um diese Geschichte zu verfilmen?

Haneke: Sie könnten theoretisch heute in einem islamischen Land einen Film über das gleiche Thema machen. Dann würde er zwar anders ausschauen, aber die Grundidee wäre die gleiche. Die sozialen Verhältnisse wären anders, das Umfeld, die Ideologien. Sie können das auch über den Linken Faschismus machen, da würde man auch auf Verschiedenes kommen. Das ist das, was mich dabei interessiert. Das ist der gemeinsame Nenner jeder Form von Terrorismus.

Ricore: Warum hat es 20 Jahre bis zur Realisierung des Films gedauert?

Haneke: Das hat einen ganz normalen Grund. Ich hab's nicht früher machen können, weil ich es nicht finanzieren konnte. Sobald ich gesagt habe, es ist ein historischer Film mit Kindern in den Hauptrollen, haben alle abgewunken. Weil natürlich jeder, der sich ein bisschen auskennt, sagt, das kostet ein kleines Vermögen. Man darf mit Kindern nur eine bestimmte Stundenanzahl drehen. Kinder brauchen bekanntlich auch mehr Zeit, bis es perfekt ist. Man kann also sagen, der Film dauert fast doppelt so lang. Historisch ist sowieso etwas, was jeden Produzenten erst mal abschreckt (lacht).

Ricore: Wer hat sich da denn nicht ausgekannt und den Film trotzdem finanziert?

Haneke: Naja, aufgrund der Erfolge der letzten Filme haben die Leute dann gesagt, vielleicht zahlt sich das trotzdem aus. Aber es war schon ein teurer Film, der teuerste, den ich bis jetzt gemacht habe. Ungefähr zwölf Millionen Euro - das ist viel Geld.

Ricore: War es mit den Kindern schwierig zu arbeiten?

Haneke: Nein. Es war schwierig, sie zu finden. Wir haben über ein halbes Jahr 7.000 Kinder gecastet. Das ist viel Arbeit (lacht). Das habe ich natürlich nicht alleine gemacht. Ich hatte ein Team von 20 Leuten. Aber man muss halt begabte Kinder finden. Die Arbeit ist manchmal schwieriger, als mit Schauspielern, oft aber auch einfacher. Grad die kleinen Kinder spielen in ihrem Leben ja dauernd. Wenn die Tiger spielen, sind sie in dem Moment ein Tiger. Wenn sie begabt sind und die Situation verstanden haben, um die es da geht, dann sind sie einfach zum küssen. Sie machen das einfach besser, als es jeder Schauspieler machen würde. Ich habe ja auch Erfahrung. In den meisten meiner Filme spielen Kinder mit. Ich mache das einfach gerne.


Das weiße Band
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Das weiße Band
Ricore: Sie haben ja auch ein besonders liebes Kind im Film.

Haneke: Mehrere. Die zwei Kleinen sind doch beide entzückend. Der Bub vom Arzt, der das Gespräch über den Tod hat. Der mit dem Vogel ist ja auch entzückend. Kinder sind ja auch hübsch und nett (lacht).

Ricore: Sie haben den Film absichtlich in Schwarz-Weiß gedreht, weil die meisten Menschen nur fotografische Erinnerungen haben. Sie haben aber nicht Schwarz-Weiß gedreht, sondern auch auf Farbmaterial...

Haneke: Das war nicht möglich. Es gibt zwei Gründe, warum wir nicht auf Schwarz-Weiß-Material gedreht haben. Der erste ist ein ganz banaler: Der Vertrag des deutschen Produzenten mit dem deutschen Fernsehen beinhaltet, dass der Film im Fernsehen in Farbe kommen soll. Wir haben alle gesagt, wenn der Film Erfolg hat, wird man wohl auch das deutsche Fernsehen dazu bringen, davon Abstand zu nehmen. Daran arbeitet der Produzent jetzt noch. Der eigentliche ästhetische Grund war, dass es kein Schwarz-Weiß-Material gibt, das so lichtempfindlich ist, dass man mit Kerzen und Petroleumlampen drehen kann. Also haben wir in Farbe gedreht und dann alles digital gemacht. Es wird aber auf Schwarz-Weiß-Material kopiert. Vor zwei Jahren wäre das noch gar nicht möglich gewesen, weil die Digitalprojektion noch nicht so weit war.

Ricore: Die Story ist für den Zuschauer schon schwere Kost, weil Sie keine Antworten geben, sondern immer die Fragen offen lassen. Denken Sie manchmal, dass Sie den Zuschauer überfordern?

Haneke: Es ist ein Klischee, dass der Zuschauer überfordert ist, weil er gewöhnt ist, mit Antworten vollgestopft zu werden. Die Frage ist, wenn Film eine Kunstform sein will, ob das der Weisheit letzter Schluss ist, dass man diese Erwartung, die er durch die Erzählweise des Fernsehens eingetrichtert bekommen hat, erfüllt. Bei der Musik oder bei der bildenden Kunst regt sich kein Mensch drüber auf, dass es keine Antwort gibt. Man lässt es auf sich wirken und es bewegt irgendetwas. Nur dort, wo die Sprache ins Bild kommt, wird alles auf den Begriff gebracht. In dem Moment, wo es auf den Begriff gebracht wird, ist es tot. Ich versuche, die Dinge offen zu halten. Im Fernsehen sind, kaum ist eine Frage gestellt, schon drei Antworten da. Damit wird das Publikum heute genährt. Das sind die ästhetischen Vorstellungen, die dieses Medium zur Breitenwirkung gemacht hat. Jeder, der was anderes macht, überfordert die Leute. Ich sag immer, wenn einer wirklich zuschauen will, ist er gefordert, nicht überfordert. Ich will gefordert werden. Wenn ich nur die Sachen bestätigt kriege, die ich eh schon weiß, dann habe ich zwei Stunden Zeit verloren. Mich haben die Filme und Bücher weiter gebracht, die mich ein bisschen irritiert haben. Dann habe ich darüber nachgedacht.

Ricore: Dies erfordert viel Interpretationsleistung vom Zuschauer. Manche Regisseure haben Angst, dass ihre Werke überinterpretiert werden.

Haneke: Gegen Missverständnisse ist kein Kraut gewachsen. Auch wenn Sie's noch so eindeutig sagen, werden Sie sicher Leute finden, die das anders interpretieren. Wenn einer was anders interpretieren will, weil es in seinem Weltbild keinen Platz hat, dann wird er tun. Damit muss man leben. Es gibt keine sichere Methode, dass jeder kapiert, was der Autor will. Das wäre stinklangweilig. Dann wäre die gesamte bildende Kunst zum wegschmeißen.


Gustl (Thibault Serie) macht seinem Vater ein Geschenk
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Gustl (Thibault Serie) macht seinem Vater ein Geschenk
Ricore: Am Schluss ist der Pfarrer im Fokus, weil er verhindert, dass Fragen gestellt werden. Gehen Sie da mit Ingmar Bergman einher?

Haneke: Natürlich weiß ich, dass bei Bergman die Pfarrersfigur wichtig war, weil sein Vater Pfarrer war und mit dem Protestantismus zu tun hatte. Aber es liegt in der Natur der Sache. Wenn Sie einen Film über ein Dorf im 19. Jahrhundert machen, dann haben Sie alle Repräsentanten vom Baron bis zum Bauern. Der Pfarrer ist ein wesentlicher Bestandteil. In dem Fall der Ideologieträger, wenn Sie so wollen. Das hat mit Bergman insofern zu tun, dass Bergman-Filme ähnliche Themen haben. Ich bin ein großer Bewunderer von Bergman, aber ich hab mich nicht hingesetzt und versucht, Bergman zu imitieren.

Ricore: Aber es hat auch dieses Vernichtende von Bergman.

Haneke: Ja, das habe ich schon oft gehört. Nicht nur bei dem Film, auch bei anderen. Ich finde ja meine Filme überhaupt nicht vernichtend. Ich finde, sie verunsichern. Ich kann nicht von mir sagen, dass ich ein Optimist bin. Von dem, was in den Filmen vorkommt, bin ich zutiefst überzeugt. Dass die Menschen nicht bereit sind, viel zu lernen. Je älter man wird, umso mehr muss man das feststellen. Aber ich bin kein Pessimist, ich halte mich für einen genauen Beobachter der Wirklichkeit, für einen Realisten. Ich versuche eben den Zuschauer immer in eine bestimmte Richtung zu stoßen, damit er sich wehrt. Ich stelle eine Behauptung auf, und jetzt musst Du schauen, wie Du mit der Behauptung fertig wirst, weil ich das für produktiv halte.

Ricore: Sind Sie dann auch jemand, der sich selbst als Regisseur und seine Werke hinterfragt?

Haneke: Überhaupt nicht. Wenn ich was gemacht habe, dann vergess ich es auch gleich. Außer ich spreche darüber so wie jetzt, wo ich das muss (lacht). Ich schau mir meine Filme auch nicht noch einmal an. Ich mache dann den nächsten oder versuche mir den nächsten auszudenken. Wenn es gemacht ist, ist es gemacht. Das einzige, wann ich drüber reden muss, ist in Journalistengesprächen.

Ricore: Die Sie ja nicht so gerne mögen...

Haneke: Wenn ich's nicht müsste, würde ich's nicht machen. Aber nicht, weil ich nicht mit Journalisten reden will, sondern weil ich es besser finde, wenn das Werk spricht und nicht der Autor.

Ricore: Sie drehen ja die Filme grundsätzlich ohne Filmmusik, und sagen, dass Sie das deswegen machen, damit Sie Ihre eigenen Fehler nicht mit Musik verdecken. Das impliziert ja, dass andere Regisseure, die mit Musik arbeiten, viele Fehler machen?

Haneke: Nein, nein, es gibt natürlich Genrefilme, zu denen gehört die Musik ursächlich. Wenn Sie einen Western machen, ist es absolut ok. Ich würde ihn zwar auch ohne Musik machen, weil ich keinen Genrefilm machen will. Ich würde eher einen Film über das Genre drehen. Indem man Dinge anders verwendet, kann man die Leute nachdenklich machen. In Filmen, die unsere Realität abbilden, finde ich es einfach unzulässig. Es ist hier keine Musik, außer es läuft das Radio. Es ist immer nur eine Emotionalisierung, die sonst nicht geschafft wird. Und das lehne ich ab.


Ulrich Tukur als Baron
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Ulrich Tukur als Baron
Ricore: Festivals wie in Cannes werden immer mehr von Hollywood eingenommen. Haben Sie dort Kontakt zu den Kollegen aus Hollywood?

Haneke: Nein. Ich hab dort auch keinen Kontakt zu europäischen Regisseuren, weil man einfach nicht dazu kommt. Man sitzt den ganzen Tag im Hotelzimmer und spricht mit Journalisten. Ich war neun Mal in Cannes und habe ganze vier Filme gesehen, weil ich keine Zeit habe. Man kommt drei Tage hin, ist von früh bis spät im Hotelzimmer, redet mit Journalisten, geht zwischendurch mit jemandem essen, mit Schauspielern oder Produzenten, die was von einem wollen, und das ist es. Das ist reiner Job.

Ricore: Dann kennen Sie keinen der Mainstream-Regisseure?

Haneke: Die Welt der Regisseure ist überhaupt eine Welt, die komischerweise von Einzelgängern bevölkert ist. In Österreich kenne ich natürlich die ganzen Kollegen, weil man da sozusagen im gleichen Verein sitzt, um für Geld und Filmförderung zu kämpfen. Mit ein, zwei bin ich befreundet. Aber sonst kenne ich kaum Leute. Ich kenn manche und sag "Grüß Gott, freut mich Sie zu sehen, Ihr Film hat mir gefallen". Aber sonst kaum persönliche Kontakte. Das ist nicht nur bei mir, sondern bei den meisten so.

Ricore: Ist das nicht auch ein Widerspruch, weil ein Regisseur ständig mit Schauspielern zu tun hat?

Haneke: Während man einen Film macht, glaubt man immer, das ist die Freundschaft fürs Leben. Auch am Theater. Ich habe 20 Jahre Theater gemacht. Am Anfang habe ich geglaubt, das sind meine Freunde fürs Leben, wir sind uns so nahe gekommen. Premiere, bum, weggefahren, nie wieder gesehen. Das gehört zum Job. Der findet über einen gewissen Zeitraum statt, und dann ist er vorbei. Dann kommt der nächste. Natürlich trifft man sich immer wieder. Es gibt Schauspieler, die ich sehr schätze, die ich auch in Zukunft immer wieder verwenden werde. Das erleichtert die Arbeit. Mit Susanne Lothar, Isabelle Huppert oder Juliette Binoche bin ich auch befreundet. Man trifft sich auch außerhalb des Kinos, geht essen und plaudert ein bisschen. Das sind Leute, mit denen man mehr Kontakt hat. Bei den meisten Schauspielern, auch wenn man schon oft mit ihnen gearbeitet hat, ist es so: Wenn ich sie sehe, freu' ich mich, aber das geht nicht ins Privatleben hinein. Ich habe nicht so viele Leute in meinem Bekanntenkreis, die mit Film zu tun haben.

Ricore: Sie haben mal gesagt, das Lästigste am Filmemachen sei Ihnen das Drehen.

Haneke: Das Lästigste vielleicht nicht, aber das Stressigste. Der eigentliche kreative Prozess ist vorher. Ich schreibe meine Sachen ja selber. Die Autoren sind das wichtigste für den Film, nicht die Regisseure. Wenn Sie kein gutes Buch haben, können Sie als Regisseur machen, was sie wollen. Die produktive Arbeit passiert zuvor. Da sucht man sich die Sachen raus, dann macht man ein Storyboard. Das Drehen ist der Stress. Da muss ich das, was ich im Kopf habe, auf die Leinwand bringen. Da gibt's einen positiven Aspekt, das sind die Schauspieler. Die bringen noch was dazu. Bei allem anderen muss man nur schauen, dass es nicht weniger wird, als was man sich gedacht hat. Wenn man gute Mitarbeiter hat, hebt das den Stress ein bisschen auf, weil man sich auf die natürlich verlassen kann. Ich bin aber ein Kontrollfreak, und das ist stressig. Man muss immer aufpassen und es gibt Millionen von Sachen, die nicht funktionieren können. Es behindert die Materialisierung der Gedankenwelt.

Ricore: Dann hat Ihr Regieassistent kein leichtes Spiel mit Ihnen?

Haneke: Niemand hat beim Drehen ein leichtes Spiel mit mir. Ich bin ein relativ autoritärer Regisseur. Die Schauspieler haben auch kein leichtes Spiel, weil ich hartnäckig bin. Aber die werden von mir auf Händen getragen. Das Team wird nicht gequält, aber auf Vordermann gebracht, damit alles funktioniert. Trotzdem kann ich so schlimm nicht sein, sonst würden nicht immer die gleichen Leute mit mir arbeiten wollen.


Michael Haneke beim Interview mit Ricore Text
Prokino Filmverleih
Michael Haneke beim Interview mit Ricore Text
Ricore: Heißt hartnäckig dann auch, dass Sie in Kubrickhafter Manier hundert Takes machen?

Haneke: Na, hundert nicht, aber viele.

Ricore: Um verschiedene Sachen auszuprobieren oder um es einfach auf den Punkt zu bringen?

Haneke: Um das zu kriegen, was ich will. Ich drehe nicht so wie in Amerika aus allen Perspektiven, sondern ich dreh nur das, was in meinem Storyboard drin ist. Und das, bis es so ist, dass ich einverstanden bin. Manchmal geht das schnell, manchmal dauert's.

Ricore: Improvisiert wird bei Ihnen am Set nicht?

Haneke: Nein (lacht). Es ist ja eine Mär. Das ist alles nicht wahr, dass zum Beispiel Cassavetes der Schauspieler-Regisseur sei. Den ich zwar maßlos bewundere, aber wenn man dann mal nachliest, erfährt man, dass er über Wochen und Monate geprobt hat. Das war ein unglaublich erarbeitetes Produkt, was da rauskam. Da war nichts mit Improvisation. Das ist eine ganz andere Methode. Die haben am Anfang improvisiert, um dieses Buch herzustellen. Deswegen haben die Filme auch bestimmte Themen. Das wäre bei meinem Film unmöglich. Ich kann nicht mit Kindern anfangen zu improvisieren. Da brauch ich ja ein Jahr, bis der Film fertig ist.

Ricore: Haben Sie vor den Dreharbeiten viel gelesen und geprobt?

Haneke: Gar nichts. Ich habe nur mit dem Liebespaar die Szene auf der Kutsche geprobt. Da konnte ich nicht dabei sein, weil nur die Kamera montiert war. Beim Casting wurde jeder der beiden Partner auch mit anderen Partnern als Sparring-Partner getestet. Die haben das im Schlaf spielen können, weil das total geprobt war. Aber sonst überhaupt nichts. Ich probe nie vorher. Ich probe auch nicht am Set. Ich sage den Leuten, du sitzt da, bei dem Satz stehst du auf, dann machst du das. Und dann dreh ich gleich mit. Und wenn das aus irgendeinem Grund schlecht war, dann wird das verfeinert. Aber oft ist es auch gleich die Erste, wenn der Schauspieler nichts weiß und der Stress ihn ganz seltsam lebendig macht. Deswegen habe ich relativ viel Material. Einen Satz "Ich weiß nicht" haben wir 25 Mal gemacht, weil das einfach falsch war.


Regisseur Michael Haneke
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Regisseur Michael Haneke
Ricore: Gerade amerikanische Kritiker sagen, dass der Film als Thema hat, die Tätergeneration der Nazis zu zeigen.

Haneke: Die Amerikaner stürzen sich gerne drauf, sobald ein deutscher Film dieses Thema aufgreift. Ich habe aber in allen Interviews gesagt, dass man den Film nicht so verkürzen soll. Er ist ja kein Film über Faschismus. Er kann den Faschismus gar nicht erklären. Diese Grundkonstellation, woraus entsteht Fanatismus oder Terrorismus, das ist das prominenteste Beispiel, das man wählen kann, wenn man in Deutschland einen Film macht. Aber ich hoffe, dass der Film vor allem im Ausland auch in dieser Komplexität verstanden wird.

Ricore: Wissen Sie schon, welchen Film Sie als nächstes drehen wollen?

Haneke: Nein, da wäre ich glücklich, wenn ich das schon wüsste. Ich habe zwei Projekte, aber über ungelegte Eier soll man nicht reden. Ich weiß noch nicht einmal, welches ich nehme.

Ricore: Sie haben mal gesagt, Sie wollen einen Film über das Internet machen. Ist das eines der Projekte?

Haneke: Ja, das ist eines davon. Aber ich werde Ihnen sicher nicht sagen, um was es da geht (lacht).

Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, eine Komödie zu machen?

Haneke: Man soll von einem Schuster nicht erwarten, dass er Hüte macht. Ich bin leider nicht mit der Gabe des Witzes gesegnet. Ich würde gerne, aber ich kann das nicht. In zwanzig Jahren Theater habe ich nur eine Komödie gemacht. Das war der einzige Flop meines Lebens (lacht). Man muss ja nicht alles machen. Man soll das machen, was einem Spaß macht. Ich schaue mir jeden Woody Allen-Film mit großem Vergnügen an. Gute Komödien sind etwas sehr Seltenes. Blöde Komödien sind lähmend, aber gute Komödien sind super. Es gibt sie sehr selten, weil das ein sehr rares Talent ist. Und ich habe es leider nicht.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de,  20. Oktober 2009

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