Camino Filmverleih
Fatih Akin ("The Cut")
Mauer des Schweigens einreißen
Interview: Fatih Akin bricht Tabus
Mit "The Cut" beendet Fatih Akin seine "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie. Das bei den diesjährigen Internationalen Filmfest von Venedig uraufgeführte Drama setzt sich mit einem nationalen Trauma der Türkei auseinander: dem im Land noch immer tabuisierten Genozid an der armenischen Bevölkerung im Jahr 1915. Es ist ein äußerst heikles Thema, mit dem sich Fatih Akin in die Schusslinie ultrakonservativer Nationalisten begeben hat. Filmreporter.de sprach mit dem Filmemacher über die Reaktionen auf "The Cut" in der Türkei und in welcher Form er von den Ultranationalisten eingeschüchtert wurde.
erschienen am 22. Oktober 2014
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Regisseur Fatih Akin am Set von "The Cut"
Metamorphose von Gut und Böse
Ricore Text: Herr Fakin, mit "The Cut" beschließen Sie Ihre "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie. Wo steckt in diesem Film der Teufel?

Fatih Akin: Mich interessierte an diesem Film die Metamorphose von Gut und Böse. Was mal Gut war, verwandelt sich zum Schlechten. Es verfault und verschimmelt. Was Böse ist, kann sich auch überwinden und sich zum Guten wandeln. Mich interessierte der Grund, wieso einige Menschen einem helfend die Hand reichen, während andere einem die Kehle durchschneiden? Diese Frage trage ich mit mir herum. Bis heute habe ich darauf keine Antwort gefunden? Wenn ich sie finden will, muss ich sie in der Psychologie suchen. Das hieße aber, dass ich aufhören müsste, Filme zu machen.

Ricore: Sie zeigen in "The Cut" das Menschliche im Menschen. Es ist im Grunde ein positiver Film.

Akin: Ich zeige das Menschliche in der Grausamkeit. Das ist meine persönliche Hoffnung als Mensch. Die ersten beiden Filme der Trilogie ["Gegen die Wand", "Auf der anderen Seite"; d. Red.] enden offen. "The Cut" sollte die Reihe abschließen und dabei hoffnungsvoll aufhören. Der Tod ist ständig um uns herum. Eigentlich müsste der Mensch im Wissen um den Tod vor Angst durchdrehen. Er tut es aber nicht, er verdrängt das Wissen und lebt weiter. Er bewahrt sich den Glauben daran, dass das Leben weitergeht, dass es gut endet. Evolutionsbedingt sind wir mit der Hoffnung ausgestattet, dass Dinge sich zum Guten wenden. Sonst wäre die Welt ein noch miserablerer Ort, als sie ohnehin schon ist.

Ricore: Wie sind die Reaktionen auf den Film aus der Türkei?

Akin: Ich nehme aus der Türkei eine gewisse Gelassenheit dem Film gegenüber wahr. Vor allem seitens der Regierung. Jedenfalls habe ich noch keine Anklage wegen Verunglimpfung des Türkentums bekommen. Ich glaube, dass die Gesellschaft, zumindest die Zivilgesellschaft, sich so weit entwickelt hat, dass sie mit so einem Film angemessen umgehen kann.

Ricore: Wird "The Cut" in der Türkei gezeigt?

Akin: Es gibt einen Starttermin im Dezember. Das hatten wir immer gehofft. Wir wollten dass der Film die Türken erreicht und sie dazu anregt, sich über den Völkermord zu informieren und Fragen zu stellen. Die Politik des Schweigens und des Verleugnens wird sich nicht durchsetzen. Davon bin ich überzeugt. Das wurde spätestens mit der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink im Jahr 2007 klar. Danach gingen 100.000 Menschen auf die Straße und riefen: 'Wir sind alle Armenier'. Die meisten davon waren Türken. Es war ein großer Widerstand.
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Regisseur Fatih Akin am Set von "The Cut"
Fatih Akin: perfekte Werbung für den Film
Ricore: Dennoch wurden Sie um Vorfeld unter Druck gesetzt, sogar bedroht. In welcher Form geschah das?

Akin: Das passierte nach einem Interview mit einer türkisch-armenischen Zeitung, der Zeitung von Hrant Dink, der ich das erste Interview geben wollte. Danach gab es eine Twitter-Nachricht von ultrakonservativen Nationalisten an die Redaktion, in der es hieß, dass man mit allen Mitteln eine Ausstrahlung des Films in den türkischen Kinos zu verhindern wisse. Im Notfall würde man auch vor Mord nicht zurückschrecken.

Ricore: Wie sind Sie mit dieser Drohung umgegangen?

Akin: Wollte ich zynisch sein, würde ich sagen: Das ist die perfekte Werbung für den Film. Nein, im Ernst: Bisher kam nichts mehr hinterher. Vielleicht haben die selbst geschnallt, dass sie durch Drohungen dem Film Publicity verschaffen würden. Vielleicht haben sie von höheren Instanzen eins auf die Finger bekommen. Nach dem Motto: Haltet die Schnauze, wir wollen diese Art von Aufmerksamkeit nicht. Jedenfalls hörten die Drohgebärden bald auf.

Ricore: Sie sagten, dass Sie sich das Thema Völkermord nicht ausgesucht haben. Das Thema habe vielmehr Sie ausgesucht. Sahen Sie sich als Deutscher mit türkischen Wurzeln in der moralischen Verpflichtung, "The Cut" zu machen?

Akin: Nein. Ich hatte den Drang, den Film zu machen. Wenn man sich mit der Materie auseinandersetzt, stößt man auf unglaublich viele kinematographische Geschichten. Es gibt so viele Einzelschicksale. Alles, was ich im Film zeige, fand tatsächlich statt. Ich habe mir die interessantesten Geschichten ausgesucht und sie sie miteinander verstrickt. Ich fand reichlich Materie für einen reichhaltigen und visuell aufregenden Film.

Ricore: Sie sind also filmisch an den Stoff herangegangen...

Akin: Nein, allein die Entscheidung, wohin ich die Kamera positioniere, ist eine politische. Der Film zeigt die Welt aus den Augen Nazarets. Daher habe ich alles aus seiner Augenhöhe gezeigt. Er musste immer im Bild sein. Wenn er nicht im Bild ist, musste ich die Szene aus seinem Blickwinkel zeigen. Einmal brechen wir das Prinzip, und zwar bei der Vergewaltigung der Indianerin. Da beantworte ich nicht die Frage 'Wer sieht das?'
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Bartu Küçükçaglayan und Tahar Rahim in "The Cut"
Wohlwollend aufgenommen
Ricore: Sie setzen sich in "The Cut" mit dem Thema Gewalt auseinander, vermeiden jedoch explizite Gewaltdarstellung. Warum?

Akin: Ich wollte das Thema behutsam angehen. Der Film sollte von beiden Seiten, den Armeniern und den Türken, aufgenommen werden. Wenngleich ich doch befürchtete, dass die Armenier ihn für zu lasch halten würden. Alle Reaktionen waren jedoch sehr positiv. Sie haben ihn wohlwollend und mit Dankbarkeit aufgenommen. Das hat auch damit zu tun, dass mein Kameramann und ich intensiv darüber diskutiert haben, wie wir Gewalt fotografieren. Eine Entscheidung war: Wir dürfen in der Gewaltdarstellung die Würde der Opfer nicht verletzen. Die Gewalt im Film ist durchaus vorhanden, aber wir wollten sie so zeigen, dass die Zuschauer nicht schon nach 15 Minuten aus dem Kino gehen. Der Zuschauer soll den Film ja zu Ende schauen. Abgesehen davon habe ich das Gefühl, dass es sich bei Gewaltdarstellungen oft auch um einen Art Wettbewerb über das noch abstoßendere Bild geht. Man lotet die Grenzen der Gewalt aus. Dabei ist die Realität in diesem Punkt der Kunst weit voraus. Das Kino sollte auch andere Wege anbieten, als es YouTube tut.

Ricore: Wie sind Sie auf den wunderbaren Schauspieler Tahar Rahim als Hauptdarsteller gekommen?

Akin: Ich habe ihn in Jacques Audiards "Ein Prophet" gesehen. Als ich mir den Film ansah, wusste ich sofort: Das ist mein Nazaret. Den hätte ich gerne. Er ist zwar ein bisschen jung, aber das macht nichts. Vor hundert Jahren haben die Menschen früh Kinder bekommen. Vor allem im Nahen Osten. Ich wusste, er würde in der Rolle glaubwürdig sein. Als ich ihn kennenlernte, war er Feuer und Flamme.

Ricore: Es heißt, dass Sie während des Entstehung des Films in Kontakt mit Filmemachern wie Roman Polanski und Martin Scorsese standen.

Akin: Polanski habe ich nicht persönlich kontaktiert, sondern mit seiner Crew zusammengearbeitet. Mein Regieassistent zum Beispiel ist der von Polanski. Mein Ausstatter hat für "Der Pianist" und "Oliver Twist" gearbeitet. Mit ihnen stellte ich mir oft Fragen wie: Wie würde Polanski das machen? Wie würde er die Kamera positionieren? Bei Scorsese war es anders. Er war tatsächlich im Entstehungsprozess von "The Cut" involviert und hat verschiedene Entwicklungsstufen des Films gesehen. Er hat das sehr genossen. Als Amerikaner hat ihm besonders der Rahmen gefallen, die Tatsache, dass der Film im Nahen Osten beginnt und irgendwo in North Dakota endet. Er stand als guter Geist über dem Film.

Ricore: Was haben Sie aus diesen Begegnungen für sich mitgenommen?

Akin: Dass das große Namen sind, man als Filmemacher aber dennoch eigene Schritte machen muss. Ich war mit Scorsese in Marokko, wo ich merkte, dass wir uns nicht immer über denselben Film einig sind. Er hat eine andere Biographie, deswegen gefallen ihm andere Filme. Man muss als Künstler lernen, loszulassen und seine eigene Wege gehen.

Danke für das Gespräch.
erschienen am 22. Oktober 2014
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The Cut (Kinofilm)
Für den Sohn türkischer Einwanderer steht schon mit 16 Jahren fest, dass er ins Filmgeschäft einsteigt. Er engagiert sich im Schultheater, übernimmt kleinere TV-Rollen und schreibt schließlich ein eigenes Drehbuch. Dieses gefällt Produzenten Ralph Schwingel so gut, dass er eine langjährige Zusammenarbeit mit dem damals 19-Jährigen beginnt. Nach seinem Abitur schließt Fatih Akin im Jahr 2000 sein Studium an der Kurz und schmerzlos". Es folgen weitere Spielfilme und Dokumentationen, darunter die..
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