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Mads Mikikelsen ist "Michael Kohlhaas"

Polyband Film

Wuchtige Verfilmung des deutschen Klassikers
Mads Mikkelsen ist "Michael Kohlhaas"
Mit "Michael Kohlhaas" wagt sich der französische Regisseur Arnaud des Pallières an einen Klassiker der deutschen Literatur, an Heinrich von Kleists gleichnamige Novelle aus dem 19. Jahrhundert. Das Ergebnis ist großes Kino, weil des Pallières sich nicht sklavisch an die Vorlage hält, sondern eigene Wege geht - und dabei an eine filmische Ästhetik der Vergangenheit erinnert. Zudem besetzt er die Hauptrolle mit dem wunderbaren Mads Mikkelsen, der seiner Figur und dem Film Größe gibt.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  15.09.2013
Romantischer Mads Mikikelsen ("Michael Kohlhaas")

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Soziale Ungerechtigkeit

Michael Kohlhaas (Mads Mikkelsen) ist mit seinem Knecht César (David Bennent) auf dem Weg in die nahe Großstadt. Hier will er Pferde verkaufen. Unterwegs geraten die beiden an einen Schlagbaum. Der Verwalter des jungen Barons (Swann Arlaud) verlangt von Kohlhaas einen Passierschein, will der seine Reise fortsetzen. Weil der Pferdehändler keine Dokumente bei sich hat, lässt er zwei seiner Pferde unter der Aufsicht Césars auf dem Anwesen des Barons als Pfand zurück.

Als er die Tiere nach Erledigung der Geschäfte und einem kurzen Aufenthalt bei Frau (Delphine Chuillot) und Tochter (Mélusine Mayance) abholen will, erwartet Kohlhaas ein Bild des Grauens. Die wertvollen Rappen sind abgemagert und erschöpft, weil sie vom Baron für die Feldarbeit eingesetzt worden waren. César geht es nicht besser. Als er die Pferde vor der rohen Behandlung retten will, hetzt der Verwalter die Hunde auf ihn, die ihn schwer verletzten.

Gegen das erlittene Unrecht verlangt Kohlhaas Wiedergutmachung. Seine Klage wird jedoch abgewiesen und die Angst seines Advokaten lässt Kohlhaas ahnen, dass der Einfluss des Barons dahinter steckt. Als Judith sich anbietet, mit dem Problem bei der Prinzessin vorstellig zu werden, wird sie von deren Schlosswachen zu Tode geprügelt. Erschüttert über den Verlust und das erlittene Unrecht nimmt Kohlhaas das Gesetz in die eigene Hand. Was mit einer Handvoll Vertrauter als nachdrückliche Einforderung der Gerechtigkeit beginnt, weitet sich zu einem landesweiten Aufstand des einfachen Menschen gegen die Willkür der herrschenden Klasse aus.


Arnaud des Pallières am Set von "Michael Kohlhaas"

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Nach mir die Sintflut

Das alles wegen ein Paar Rappen? Es ist nicht zu übersehen, welcher Verlust Michael Kohlhaas antreibt. Nicht etwa der Tod seiner Frau ist es, das ihn zu einem gnadenlosen Rasenden macht. Obwohl er seine Frau über alles liebt, ist es am Ende doch das ungerechte Vorgehen gegen seine Pferde, das den Pferdehändler antreibt. Immer wieder kommt Kohlhaas auf die materielle Wiedergutmachung zurück, bis zuletzt fordert er seine Pferde im gesunden Zustand zurück.

Dennoch ist Kohlhaas weder Pedant, noch Materialist oder Vorbote eines kapitalistischen Denkens, wie einige Figuren glauben, die sein irrationales Handeln gegen seinen Reichtum abwägen. Kohlhaas geht es weder um Geld, noch um seine Pferde, von denen er zu Hause genug hat. Auch ist es keine Kleinigkeit, um die er kämpft. Seine 'Seele ist auf große Dinge gestellt', heißt es einmal in der gleichnamigen Novelle Heinrich von Kleists, die Regisseur und Ko-Drehbuchautor Arnaud des Pallières frei adaptiert hat. Es geht Kohlhaas um nichts weniger als um Gerechtigkeit und ums 'Prinzip', wie der Pferdehändler an einer entscheidenden Stelle des Films sagt.

Dass Kohlhaas dabei eine so unerbittliche Konsequenz an den Tag legt, mag sein persönlicher Fehler sein, ist der großen Sache aber nur angemessen. Sie macht diesen Sisyphos der beginnenden Neuzeit aber auch zu einem tragischen Helden, der geradewegs in den Untergang reitet, einem 'Märtyrer des Rechtsgefühls' wie des Pallières ihn in Anlehnung an ein Zitat des Rechtsphilosophen Rudolf von Jhering nennt.


Mads Mikikelsen noch unbeschwert ("Michael Kohlhaas")

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Mads Mikkelsens Schönheit

Auch wenn es auf den ersten Blick anders erscheinen mag, tut des Pallières gut daran, diesen Koloss der bürgerlichen Wertevorstellung mit dem Dänen Mads Mikkelsen zu besetzen. Mikkelsens markant-ebenmäßiges Gesicht, sein sonnengebräunter Körper, das perfekt frisierte Haar, das aussieht, als käme der Schauspieler gerade von einem Friseurtermin, ist nichts anderes als das äußere Spiegelbild der inneren Größe Kohlhaases.

Die äußere Makellosigkeit des Hauptdarstellers grenzt des Pallières gegen die derberen Züge einiger Nebendarsteller ab, die das einfache Volk oder die Schergen der Herrschenden darstellen. Dabei kann man dem Regisseur nicht genug danken, dass er für seinen Film David Bennent wiederentdeckt hat, jenen Darsteller des Oskar Matzerath aus Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel". Bennents César ist ein einfacher und guter Mensch, ein treuer Diener, der seinem Herrn Kohlhaas bis in den Tod folgt. In Gesten und Mimik des Schauspielers bekommt die Figur die Würde, die sie verdient.

Alles andere als würdevoll ist der von Christian Chaussex dargestellte Handlanger des Barons. Hier trifft sich äußeres Erscheinungsbild mit innerer Verrohung am vollkommensten. Hier fehlen die Fäden, die den Menschen einst an Gott banden, hier ist "Michael Kohlhaas" am existenzialistischsten.


Mads Mikikelsen im Ketten ("Michael Kohlhaas")

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Schöne derbe Natur

Mit der Materialität des menschlichen Körpers korrespondiert die Sinnlichkeit der Natur. Des Pallières drehte "Michael Kohlhaas" überwiegend an Originalschauplätzen, als 'eine Art Western', sagt er. Tatsächlich ist die Natur in diesem Drama weder zu übersehen noch zu überhören. Es ist eine Natur, die schön und friedlich sein kann, aber auch hässlich, derb und brutal. Eine Natur, in der und mit der der Mensch lebt und von der er in höchstem Maße abhängig ist.

Keine Szene verdeutlicht dies besser als jene, in der Kohlhaas noch in harmonischer Eintracht mit seiner Familie lebt. Sie zeigt den Pferdehändler bei der Geburt eines Fohlens, wobei Frau und Tochter ihm zuschauen. Es ist die Geburt von neuem Leben, der Beginn eines neuen Zyklus, ein Bild der Wahrheit - bevor es von der menschlichen Unvernunft für immer zerstört wird.

Alles andere als unsichtbar ist auch die Formsprache dieses vom Mainstream sich so radikal abhebenden Films. Die Bilder in "Michael Kohlhaas" sind oft etwas unterbelichtet, grobkörnig, sodass man sich anstrengen muss, um die dunklen Partien zu sehen. Nachdem Kohlhaas machtlos zusehen muss, wie seine Frau elendig stirbt, verkriecht er sich in die dunkelste Ecke des Raumes. Seine Trauer ist in diesem Moment nicht zu sehen, dafür umso mehr zu hören.

Auf der andren Seite werden die Bilder des Films vom Sonnenlicht geradezu überstrahlt. Eine Heiterkeit kommt dabei aber kaum auf. Vielmehr herrscht - ähnliche wie bei den Italowestern Sergio Leones, auf die sich des Pallières immer wieder bezieht - eine beklemmende Stimmung.


Michael Kohlhaas

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Filmisches Labyrinth

Von einer poetischen Sinnlichkeit ist "Michael Kohlhaas" auch im Großen, in den Sequenzen, der Summe von Bildern und Szenen. Dabei ist hier Desorientierung, das Aussparen von Details das erzählerische Prinzip. Wenn Kohlhaas mit seinen Anhängern auf Rachefeldzug im unübersichtlich-großen Anwesen des Barons wütet, entwirft des Pallières ein filmisches Labyrinth, in dem sich der Zuschauer verliert.

Mit der Zeit verfährt der Regisseur ähnlich. So vergehen Wochen und Monate, in denen Kohlhaas mit seinen Leuten vergeltend und tötend durch das Land zieht, doch eine zeitliche Orientierung wird dem Zuschauer ebenso wenig gegeben wie grundlegende inhaltliche Informationen wie etwa der Aufstieg Kohlhaas' zu einem Revoluzzer, die Begeisterung, die er bei den Menschen entfacht oder die Angst, die er bei den Herrschenden auslöst.

Fast könnte man angesichts "Michael Kohlhaas" meinen, dass bei den vielen klaffenden Lücken ein Dilettant zu Werke war. Doch ist die erzählerische Unbeholfenheit hier Prinzip und bewusstes Anklingen an eine längst vergangene filmische Ästhetik. Man spürt bei des Pallières das Klagelied der Nouvelle Vague gegen den 'Makel der Makellosigkeit'. Auch nimmt "Michael Kohlhaas" an die strukturellen Filme der 1970er Jahre Anleihen, die mit Bild- und Tonexperimenten das filmische Erzählen gleichberechtigt neben den Inhalt stellten. Die Hommage an Eric Rohmer zeigt sich auch in der Besetzung Bruno Ganz' in einer Nebenrolle. Ganz spielte in "Die Marquise von O..." die Hauptrolle. Auch in Stimmung und Struktur ist der Film eine Reverenz an die wunderbare Kleist-Verfilmung des Vorbildes.

Des Pallières selbst nennt Werner Herzogs "Aguirre, der Zorn Gottes", Akira Kurosawas "Die sieben Samurai" und Andrej Tarkowskijs "Andrej Rubljow" als unmittelbare Inspirationsquellen. Tatsächlich kann man die Spuren dieser Klassiker in seinem "Michael Kohlhaas" entdecken. Sie finden sich in der grenzenlosen Besessenheit des Titelhelden, die ihn zum Verwandten Aguirres macht; wie die sieben Samurai kämpfen Kohlhaas' Truppe gegen einen übermächtigen Feind für Gerechtigkeit. Ebenso wie Kurosawa und vor allem Tarkowskij geht es des Pallières nicht nur um eine authentische Darstellung einer historischen Zeit. Es geht ihm um das, was dahinter steckt, um die ewige Wahrheit. Um die Essenz, die übrigbleibt, wenn man die Vergangenheit erinnert und durch das künstlerische Auge filtert.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  15.09.2013

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