Starfeature: Christopher Nolans filmisches Labyrinth | FILMREPORTER.de
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Christopher Nolan
Von "Inception" bis "Following"

Christopher Nolans filmisches Labyrinth

Sehen Sie genau hin? Christopher Nolan überlässt wenig dem Zufall. Seine Filme sind wie präzise ausgetüftelte Uhrwerke. Jedes Zahnrad fügt sich reibungslos in das nächste. Doch Vorsicht! Im Nolan-Kosmos kann es uns leicht so ergehen, wie Theseus im Labyrinth des Minotaurus. Eine helfende Ariadne ist dann nirgendwo in Sicht. Wer einen kurzen Augenblick nicht aufpasst, kann in Nolans Werken schnell den Überblick verlieren. Sehen Sie genau hin.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de, 29. Juli 2010

Inception

Inception

Architektur des menschlichen Geistes
Eine simple Idee. Damit beginnt es, als sich Christopher Nolan am Strand wiederfindet. Eine simple Idee ist es auch, die Leonardo DiCaprio an den Strand spült. Damit beginnt "Inception". Eigentlich aber nicht, denn wir befinden uns zu diesem Zeitpunkt bereits am Ende der Geschichte. Bei Nolans Filmen kann man sich eben nie ganz sicher sein, wo und vor allem in welchem Zeitabschnitt wir uns gerade aufhalten. Sein Werk aus dem Jahre 2010 lässt sich auch ansonsten nur schwer einordnen. In gewisser Weise ist es ein Paradoxon, das filmische Äquivalent zu einem Escher-Gemälde.

Im Grunde ist "Inception" auch eine "Heist"-Story. Der britisch-amerikanische Regisseur erzählt die klassische Geschichte einer Gruppe von Einbruchsspezialisten. Ihr Anführer ist der von DiCaprio gespielte Dom Cobb, der denselben Nachnamen trägt wie der andere große Dieb in Nolans Schaffen. Mit seinen Leuten plant er den großen Coup. Allerdings ist sein Zielobjekt kein Gebäude, kein Schließfach, keine Bank, sondern das Labyrinth des menschlichen Geistes. Cobb hat es auf die Träume seiner Opfer abgesehen. Während sie schlafen, dringt er in deren Unterbewusstsein ein und stiehlt wertvolle Informationen und wohlgehütete Geheimnisse. Bei seinem neuesten Auftrag soll der Dieb keinen Gedanken stehlen. Er soll eine Idee einpflanzen.

Inception

Inception

Reflektion über die Inspiration
Damit wären wir auf einer von vielen weiteren Ebenen dieses vielschichtigen Science-Fiction-Meisterstücks. Wie schon sein "Prestige - Die Meister der Magie" ist auch "Inception" ein Film über das Erzählen und die Inspiration. Schließlich pflanzt der Regisseur mit seinen Geschichten ebenfalls Ideen in unseren Verstand ein. Um das bei seiner Zielperson bewerkstelligen zu können, müsse Cobb zufolge die Idee in einen emotionalen Zusammenhang eingebettet werden. Nichts anderes geschieht bei "Inception". Trotz seiner komplexen Gedankenkonstrukte verkommt der Film nicht zum Vortrag, weil Nolan dabei nie die menschliche Dimension aus den Augen verliert, die persönliche Tragödie von Cobb und dessen Ehefrau.

Das gilt für alle Filme des Regisseurs, so vertrackt sie auch sein mögen. Die Wirklichkeit, impliziert diese Geschichte über die Wahrnehmung der Realität, lässt sich in Nolans Augen am besten durch Erzählen statt Erklären verstehen. Mit seinem 160 Millionen US-Dollar teueren Kunstwerk ist Nolan ein Coup gelungen. Er ist in Hollywoods Traumfabrik eingedrungen, um innerhalb des Studio-Systems seine Visionen mit nahezu unbegrenzten finanziellen Ressourcen Wirklichkeit werden zu lassen.

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