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Interview

Moritz Bleibtreu
"Ich bin kein Essensnazi"

Moritz Bleibtreu mag den Spagat

Moritz Bleibtreu ist einer der gut beschäftigten Schauspieler Deutschlands. Seit seinem Durchbruch auf der Kinoleinwand Mitte der 1990er Jahre ist er in den unterschiedlichsten Rollen zu sehen. Mittlerweile ist er aus der deutschen Filmlandschaft nicht mehr wegzudenken. In Fatih Akins "Soul Kitchen" spielt er einen Freigänger der dringend einen Job braucht. Mit uns spricht Bleibtreu über seine Leidenschaft zum Kochen, die deutsche Kinolandschaft und sein Verhältnis zum Hamburger Arbeiterviertel Wilhelmsburg.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de, 24. Dezember 2009

Moritz Bleibtreu

Moritz Bleibtreu

Ricore: Was verbindet Sie mit Fatih Akin? Moritz

Bleibtreu: Freundschaft und ein erstaunliches Maß an Deckungsgleichheit, wenn es um Geschmack geht. Wir mögen zu 90 Prozent denselben Kram. Wenn der eine dann noch Regisseur ist und der andere Schauspieler, die beiden sich also immer wieder mal brauchen, ist das sensationell. Aber uns verbindet vor allem Freundschaft.

Ricore: Wie hat Ihre Zusammenarbeit angefangen? Hat er jemanden gesucht oder kannten Sie sich schon vorher?

Bleibtreu: Fatih ist der einzige Regisseur, auf den ich jemals von mir aus zugegangen bin. Das habe ich vorher noch nie gemacht, nachher auch nicht. Eigentlich finde ich sowas total bescheuert. Es gibt Geschichten von Schauspielern, die zwei Wochen auf der Treppe vor dem Haus des Regisseurs warten, weil sie unbedingt eine bestimmte Rolle wollen. Ich habe Anfang der 1990er Jahre die beiden Kurzfilme "Sensin - Du bist es!" und "Getürkt" gesehen. Ich dachte mir: Wer ist das? Was der macht, ist geil. Der wohnt sogar in Hamburg! Das kann doch nicht sein! Hamburg ist ja nicht so groß, und so viele Leute gibt es hier nicht, die Filme machen. Da habe ich mir gesagt, den muss ich kennen lernen, und habe ihm einen Brief geschrieben. Auf ganz doof. Den hat er gelesen, wir haben uns getroffen und es hat Klick gemacht. Erst war er skeptisch, aber es war relativ schnell klar, dass wir eine Sprache sprechen. Wir verstehen uns unheimlich gut. Am selben Abend hat er mir noch die Hauptrolle für "Im Juli" angeboten, die damals bezeichnender Weise im Buch noch Moritz hieß. Ich habe gesagt, das machen wir, aber lass uns den mal umbenennen. Wir haben ihn Daniel genannt und den Film gemacht. Es gibt manchmal Begegnungen, wo man weiß, dass es gut ist, so war es mit Fatih.

Ricore: Was hat Sie mit dem Hamburger Lokal Sotiris verbunden, welches als Vorbild für das Soul Kitchen diente?

Bleibtreu: Ich bin nicht so oft im Sotiris rumgehangen. Immer wieder mal, aber nicht oft. Ich muss dazu sagen, ich bin ein relativ häuslicher Mensch und geh?e nicht zu Leuten, die abends ihre Zeit in Kneipen verbringen. Das habe ich nie getan. Es mag an meiner Jugend liegen, weil meine Mutter fast nie zu Hause war. In der Tradition des Wiener Caféhauses ist sie immer raus und war immer woanders. Das hatte bei mir zur Folge, dass ich immer eher ein häuslicher Mensch war. Das Sotiris war ein ganz besonderer Laden. Es war wie ein Raum mit anderen Gesetzen, eine Welt für sich. Eben genau das, was in "Soul Kitchen" erzählt wird. Es war ein spezielles Lokal mit speziellen Figuren. Alle, die da hin gegangen sind, waren speziell und alle die da gearbeitet haben waren ebenfalls speziell. Keiner ist wegen des Essens hingegangen, sondern wegen den Leuten und wegen der ganzen Atmosphäre. Ich habe ein paar richtig geile Partys dort erlebt. Das Sotiris war für viele Leute wie ein Stück Heimat.

Christiane Paul und Moritz Bleibtreu

Christiane Paul und Moritz Bleibtreu

Ricore: Auf was legen Sie persönlich beim Essen wert?

Bleibtreu: Ich bin ein leidenschaftlicher Koch. Insofern ist das Kochen ein ganz wichtiger Bestandteil meiner Freizeit. Wenn ich zuhause bin, koche ich täglich. Wenn ich koche, koche ich so, dass es sich lohnt. Ich bin aber kein Essensnazi. Ich bin keiner der sagt: Ich esse nie bei McDonald's, ich hasse diesen Junkfood-Scheiß!" Ich esse gerne mal einen Burger oder eine Schweinerei, aber auf der anderen Seite macht es mir unheimlich viel Spaß, Dinge am eigenen Herd auszuprobieren. Für mich ist das eine halbmeditative Geschichte, wo ich abschalten kann und es um nichts anderes geht, als dass es genau die richtige Menge Salz ist. Egal, wie gut du eine Spaghetti Bolognese kochen kannst, du kochst sie nie so, wie du sie schon einmal gekocht hast. Jedes Essen ist ein Unikat. Auch wenn du dich zu 100 Prozent minutiös an ein Rezept hältst, es schmeckt trotzdem anders. Die einzigen, die das können, sind Fast-Food-Tempel wie McDonald's, aber auch nur deswegen, weil sie deinen Mund mit Geschmäckern überhäufen, so dass der Geschmack sich angleicht. Sonst geht das nicht.

Ricore: Laden Sie gerne Leute zum Essen ein?

Bleibtreu: Mach ich auch, aber meistens koche ich für mich und meine Süße. Dann aber genauso aufwändig, als wenn ich für fünf oder zehn Leute koche. Ich koche auch für mich alleine sehr aufwändig, da mache ich keine Unterschiede.

Ricore: Wie hat Sie die neu gewonnene Familie verändert?

Bleibtreu: Man kann ein ganzes Buch drüber schreiben. Grundsätzlich ist das der Teil meines Lebens, den ich für mich behalte. Allgemein gesprochen, ist man einfach nicht mehr der Mittelpunkt seines Lebens. Bis zu dem Zeitpunkt an dem du Kinder bekommst, bist du der Mittelpunkt deines Lebens. Das ist mit einem Schlag nicht mehr so. Alles verändert sich auf die schönste Art und Weise.

Soul Kitchen

Soul Kitchen

Ricore: Es gibt Schauspieler, über die weiß man sehr viel Privates. Sie halten es ganz bewusst aus der Öffentlichkeit heraus. August Diehl hat mal gesagt, zu viel Privatleben schadet dem Geheimnis eines Schauspielers. Ist das für Sie auch der Grund?

Bleibtreu: Bei mir gibt es keinen bewussten Grund, aber mein Kollege August Diehl hat natürlich absolut Recht. Robert de Niro hat es in einem ganz berühmten Interview gesagt: "Umso mehr du von mir persönlich weißt, umso weniger wirst du bereit sein, bestimmte Dinge zu glauben, die ich vor der Kamera mache, wenn sie sich stark von dem Bild unterscheiden, das du von mir hast." Nehmen wir das Beispiel Homosexualität als Schauspieler. Wenn man sich als Mann outet, wie es Rupert Everett getan hat, dann ist es vorbei, weil in dem Moment, wo er eine Frau auf der Leinwand küsst, alle nur noch lachen. Das ist ähnlich mit Informationen privater Natur. Das ist für mich aber nicht der Grund. Ich halte das nicht bewusst zurück. Es ist für mich eher eine Frage der Erziehung. Wenn ich Leute gut kenne, dann erzähle ich mehr über mich. Es gibt aber einfach Dinge, die gehören nicht in die Öffentlichkeit.

Ricore: Im Frühjahr 2009 ist Ihre Mutter Monica gestorben. In "Soul Kitchen" stirbt sie filmisch. War es merkwürdig für Sie, da Sie ja wussten, wie es um Ihre Mutter bestellt war?

Bleibtreu: Ja klar, das war unheimlich traurig. Es liegt aber auch in der Skrupellosigkeit des Berufes. Man erlebt gerade etwas Schlimmes und muss abends im Theater Molière spielen und den Kasper machen. Das ist manchmal gemein. Der Beruf ist dazu prädestiniert, skrupellos zu sein, das ist aber für mich nichts Neues. So sehr die Nachricht vom Tod meiner Mutter für die Leute sehr plötzlich kam, so sehr ist es für mich überhaupt nicht plötzlich gewesen. Das Bizarre ist, dass sie in den letzten vier Filmen, die sie gemacht hat, immer gestorben ist.

Ricore: Hat Sie die Rollenauswahl bewusst getroffen?

Bleibtreu: Nein, das ist die merkwürdige Verschmelzung aus Rollenangebot und Leben. Ich habe das auch oft erlebt. Die grundsätzliche Frage, wonach ich mir meine Rollen aussuche taucht immer wieder auf. Ich antworte darauf inzwischen: "Ich suche mir die Rollen nicht aus, die Rollen suchen mich aus." Das hört sich esoterisch an, aber es stimmt zu einem gewissen Grad. Es hat viel damit zu tun, dass man eine Befindlichkeit in einem bestimmten Moment des Lebens hat, die einen feinfühlig macht für eine bestimmte Geschichte oder einen bestimmten Konflikt, den eine Figur mit sich trägt. Vielleicht findet das sogar unterbewusst statt. Vielleicht weißt du in dem Moment gar nicht genau, warum du dich für eine Rolle interessierst. Vielleicht weißt du es erst drei Jahre später. Es gibt Filme, da weiß ich ganz genau, die würde ich heute nicht machen. Heute weiß ich jedoch, dass es damals Teil meiner Befindlichkeit war. Wenn man an etwas wie Fügung glaubt, ist das manchmal sehr skurril und bizarr. Manchmal sind ja die Geschichten, die das Leben schreibt, so doof, dass es, wenn du es als Drehbuch aufschreiben würdest, dir keiner glauben würde.

Moritz Bleibtreu auf der Berlinale

Moritz Bleibtreu auf der Berlinale

Ricore: Als Sie in New York an der Schauspielschule waren, haben Sie sich das Filmgeschäft so vorgestellt wie Sie es später kennen gelernt haben?

Bleibtreu: Überhaupt nicht, denn es gab noch gar kein deutsches Filmgeschäft. Ich bin mit 17 aus Deutschland weggezogen, da gab es drei Sender: ARD, ZDF und NDR 3. Es gab kein Sat.1 oder kein RTL, die haben damals noch nicht selber produziert. Die Option, irgendwann einmal Filme zu machen, war für mich damals nicht absehbar. Ich wollte lieber Filme machen, als Theater zu spielen, aber ich wusste, dass es total unrealistisch war, eben weil es keine deutsche Kinolandschaft gab. Die Leute in meiner Klasse haben mich mit 15 gefragt, warum ich denn Schauspieler werden will? Das war, um mit den Worten der Jungs zu sprechen, ein bisschen schwul. Ich kam aus New York zurück und meine damalige Freundin hat mich in "Kleine Haie" geschleppt. Ich wusste nicht, dass man in Deutschland so spielen kann. Der Film hatte nicht diesen knatternden 1980er-Jahre-Tatort-Ton. Die drei Protagonisten haben richtig aufgespielt, das war so leicht und super, einfach top. Ich hatte das Gefühl, dass das Ganze doch eine Zukunft hat. Ich hatte das Glück, dass ich genau in dem Moment zurück gekommen bin, als die Renaissance des Deutschen Films begann. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Rest ist Geschichte. Erst "Stadtgespräch" von Rainer Kaufmann, dann Til Schweigers "Knockin' on Heaven's Door".

Ricore: Welchen Stellenwert nimmt Til Schweiger in Ihrem Leben ein?

Bleibtreu: Einen riesengroßen. Ich habe mich nie wieder so über eine Rollenzusage gefreut, wie damals, als Til mich anrief. Nicht einmal bei Steven Spielberg, als er mir für "München" zusagte. Ich wusste einfach, wenn ich die Rolle des Abdul kriege, dann ist mein Leben ein anderes. Und so war es auch. Obwohl der Anruf um zwei Uhr nachts kam, war es einer der schönsten Tage in meinem Leben. Dafür werde ich Til immer dankbar sein. Er ist extrem begeisterungsfähig, das macht ihn aus. Wenn er jemanden sieht, den er geil findet und der gut ist, dann will er den fördern.

Ricore: Sind Sie befreundet?

Bleibtreu: Das kann man schon sagen. Wobei Freundschaft in dem Job immer krass ist. Es kommt ja auf die Definition von Freundschaft an. Es gibt nicht viele Leute, die ich wirklich als Freunde bezeichnen würde. Aber Til schon, auch wenn wir uns nicht so oft sehen.

Ricore: Herr Bleibtreu, vielen Dank für das Gespräch.
Timo Buschkämper, Filmreporter.de - 24. Dezember 2009

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