Filmrevue
Hardy Krüger in jungen Jahren
Vom Elite-Nazi zum Weltenbummler
Retro Feature: Hardy Krüger arbeitslos
Aus dem Filmgeschäft hat sich Hardy Krüger schon lange zurückgezogen. Sein letztes großes Filmprojekt "Der Mann aus der Kälte" stammt aus dem Jahr 1984. Die Entscheidung nicht mehr vor der Kamera zu stehen, hatte einen einfachen Grund. Krüger wurden einfach keine interessanten Stoffe angeboten. Untätig ist der Schauspieler deshalb nicht.
Der Spiegel
Hardy Krüger in "Taxi nach Tobruk"
Seit den 1970er Jahren ist er als Autor meist autobiographischer Werke tätig, die von seinen vielen Reisen handeln. Wirklich sesshaft ist der Weltenbummler auch heute nicht. Mit Frau Anika pendelt er zwischen dem Hotel Adlon in Berlin, seiner Wohnung in Hamburg und seinem Landsitz in Südkalifornien.

Hardy Krüger wird zwischen den Weltkriegen in Berlin geboren. Seine Eltern sind glühende Verehrer der Nationalsozialisten und schicken ihren 13-jährigen Sohn 1941 mit Begeisterung auf die "Adolf-Hitler-Schule" in Sonthofen. Die Burgschule ist ein Eliteinternat, auf dem Führungspersönlichkeiten für das Dritte Reich herangezogen werden sollen. Während Hardy in der Militärschule gedrillt wird, stirbt sein Vater auf dem Schlachtfeld. Über diese Zeit sagt er später, Hitler hätte ihm und seiner Generation die Jugend gestohlen. Ein Gutes hat Krügers Aufenthalt in der Nazi-Schule für seinen Werdegang: 1943 wird er von Regisseur Alfred Weidenmann für den NS-Propagandafilm "Junge Adler" entdeckt und bekommt die Rolle von Lehrling "Bäumchen".
Taxi nach Tobruk
Böses Erwachen bei der UFA
Die Dreharbeiten verändern das Weltbild des 15-jährigen Schülers. Durch sein Elternhaus und die Eliteschule war er zu einem überzeugten Nationalsozialisten geworden, bei den Dreharbeiten in den Berliner UFA-Studios trifft er nun auf Menschen, die für ganz andere Werte stehen. So auch die Schauspieler Albert Florath und Hans Söhnker, die im Widerstand tätig sind. Sie verstecken jüdische Mitbürger in ihren Landhäusern und verhelfen ihnen zur Flucht in die Schweiz. Hinter vorgehaltener Hand nennen sie Hitler einen Verbrecher und öffnen Krüger dessen verblendete Augen. Von da an weiß er über das ganze Ausmaß der Machenschaften im Dritten Reich Bescheid: "Ich wusste, dass der Krieg verloren war. Ich wusste, dass es Konzentrationslager gab und dass die Nazis eine Bande von Verbrechern waren."

Diese Einsicht bewahrt Krüger nicht davor, weiter dem inzwischen verhassten Regime zu dienen. Als im März 1945 Jugendliche als letzte Wehr an die Front geschickt werden, trifft es auch Hardy Krüger. Er wird der Waffen-SS-Einheit Nibelungen zugeteilt. Als Panzergrenadier kommt er kurz darauf in Tirol in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Die Amerikaner lassen den Teenager bald wieder laufen. Krüger folgt dem Rat von Regisseur und Schauspieler Wolfgang Liebeneiner: Er bewirbt sich am Hamburger Schauspielhaus für kleine Rollen und arbeitet beim Nordwestdeutschen Rundfunk als Sprecher.
Filmrevue
Hardy Krüger Sr. in einer Szene.
Theater und Hollywood rufen
In den folgenden Jahren spielt Krüger an Theatern in Hamburg, Hannover, Berlin, München und Stuttgart. Der Grundstein für seine Karriere beim Film ist damit gelegt. Der Durchbruch kommt 1957 mit der Hauptrolle in dem Kriegsfilm "Einer kam durch". Darin spielt Krüger Oberleutnant Franz von Werra, der aus britischer Kriegsgefangenschaft flieht und nach Deutschland zurückkehrt. In der Folge wird der blonde und blauäugige Deutsche immer wieder als deutscher Kriegssoldat besetzt, so auch in Sir Richard Attenboroughs "Brücke von Arnheim". Krüger wehrt sich aber gegen die eindimensionalen Klischee-Nazis und versucht anhand positiver Charaktere aufzuzeigen, dass nicht alle Soldaten gefühllose Mörder waren. Ein schwieriges Unterfangen so kurz nach dem Holocaust!
20th Century Fox
Die Brücke von Arnheim
Einen ersten Höhepunkt erreicht Krügers Karriere mit dem französischen Drama "Sonntage mit Sybill", das 1963 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhält. Darin spielt Krüger Pilot Pierre, der mit seinem Flugzeug abstürzt und sich auf Feindesland mit einem Kind anfreundet. Von da an dreht Krüger mit den großen Hollywoodstars. In "Hatari" spielt er an der Seite von John Wayne, in "Der Flug des Phoenix" ist James Stewart sein Filmpartner und in "Die Wildgänse kommen" Richard Burton. Namhafte Regisseure wie Stanley Kubrick interessieren sich für den gut aussehenden Deutschen. 1976 besetzt Kubrick ihn für die Rolle des preußischen Offiziers Potzdorf in seinem historischen Drama "Barry Lyndon". Kubrick und Krüger hatten sich einige Jahre zuvor in London kennen gelernt, als beider Karrieren gerade in die Gänge kamen. Kubrick war damals wegen "Wege zum Ruhm" - Krügers Lieblingsfilm - ein verheißungsvoller Newcomer, Krüger machte mit "Einer kam durch" auf sich aufmerksam. 15 Jahre nach diesem ersten Zusammentreffen gab Kubrick Hardy die Rolle, die er eigentlich auf zwei britische Schauspieler aufteilen wollte.
Ascot Elite
Hardy Krüger in "Das Geheimnis von Santa Vittoria"
Aus Schauspieler wird ein Weltenbummler
Die 1980er Jahre bringen einen weiteren Kurswechsel: Krüger dreht mangels Angeboten keine Kinofilme mehr und wendet sein Interesse dem Reisen und dem Fernsehen zu. In der TV-Serie "Weltenbummler" führt er das Publikum durch seine damalige afrikanische Wahlheimat und andere Reiseziele. Für ihn ist klar: "Schauspieler [zu sein] ist ein Element in meinem Leben. Es gibt so viele andere." Ein weiteres Element ist das Schreiben. Seit 1970 hat Krüger zwölf Romane und biographische Erlebnisberichte veröffentlicht, die sich wiederum meist um das Reisen drehen.

Lange hält es Krüger bis heute nicht an einem Ort. Mit seiner Frau, der Amerikanerin Anita Park, pendelt er mehrmals im Jahr zwischen Berlin, Hamburg und Kalifornien. Mit Park ist Krüger seit 1978 in dritter Ehe verheiratet. Davor war er mit der italienischen Malerin Francesca Marazzi zusammen. Die Verbindung hielt 13 Jahre und brachte die beiden Kinder Malaika und Hardy Krüger Jr. hervor. Hier beweist sich Krügers dominantes Schauspiel-Gen: Beide Kinder wählten den Beruf ihres Vaters, genau wie Christiane Krüger, seiner Tochter aus der ersten Ehe mit Renate Densow. Hardy Krüger blickt auf ein bewegtes Leben zurück, das er in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk 2005 folgendermaßen kommentierte: "Ich habe eigentlich alles gemacht, was ich mir seit meiner Jugend erträumt habe."
Von  Ann-Catherin Karg/Filmreporter.de,  10. Oktober 2021
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